Torhüter-«Scharmützel» mit Tradition

Torhüter-«Scharmützel» mit Tradition
Torhüter-«Scharmützel» mit Tradition
Oliver Kahn (l) und Jens Lehmann gehen beim Training aus den Weg.

Bukarest (dpa) – Für Oliver Kahn sind «Scharmützel zwischen Torhütern» nichts ungewöhnliches. Trotzdem hat Rudi Völler bei der überfälligen Aussprache zwischen seinem Kapitän und dessen Rivalen Jens Lehmann einen eindeutigen Verhaltenskodex formuliert.

Damit will Völler verhindern, dass es in sechs Wochen bei der Europameisterschaft nicht zu einer neuen Eskalation im offiziell beigelegten Torhüterstreit kommt. Erfolg und Teamgeist in Portugal sollen nach dem Willen des DFB-Teamchefs nicht durch persönliche Animositäten in Gefahr geraten. «Ich habe ihnen gesagt, dass es gewisse Grundregeln gibt, die einzuhalten sind», berichtete Völler vor dem Länderspiel in Bukarest über den «Burgfrieden» zwischen seiner Nummer eins und zwei.

Völler ist davon überzeugt, eine «vernünftige Basis» gefunden zu haben, damit sich Arsenal-Keeper Lehmann bei der EM bereits zum dritten Mal hintereinander bei einem großen Turnier in die bittere Reservistenrolle fügt. Schon bei der EM 2000 sowie der WM 2002 musste Lehmann tatenlos von der Bank aus seinem Rivalen Kahn zuschauen, nachdem er bei der WM 1998 sogar nur die Nummer drei gewesen war.

Die «Leiden des Zweiten» («kicker») haben im Nationalteam allerdings schon viele Torhüter vor Lehmann durchgemacht – auch sein Rivale Kahn. Der Torwart des FC Bayern München war nach seiner Azubi-Rolle als Nummer drei bei der WM-Endrunde 1994 in den USA sowohl beim EM-Triumph 1996 in England als auch bei der WM 1998 jeweils die Nummer zwei hinter Andreas Köpke gewesen. Im Laufe der Jahre hatte der ehrgeizige Kahn immer größere Probleme mit der Zuschauerrolle. Abends habe er im Hotelzimmer ins Bettkissen gebissen, um seinen Frust zu bewältigen, berichtete Kahn einmal.

Nicht selten ist der Konflikt eskaliert. Unvergessen ist die vorzeitige Heimreise von Uli Stein von der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko. Stein konnte sich nicht mit der Zurücksetzung hinter seinen jüngeren Konkurrenten Toni Schumacher abfinden, nach dem berühmten «Suppenkasper-Zitat» über den damaligen Teamchef Franz Beckenbauer erfolgte der Rauswurf. Eike Immel trat nach der EM 1988 zurück, als Beckenbauer nach dem Turnier in Deutschland den sechs Jahre jüngeren Bodo Illgner zur neuen Nummer eins beförderte.

Vor der WM 1994 lieferten sich Illgner und Köpke ein Kopf-an-Kopf- Rennen um den Platz im Tor. Erst kurz vor Turnierbeginn entschied sich Bundestrainer Berti Vogts für den jüngeren Illgner. Als der Weltmeister von 1990 dann in New York unmittelbar nach dem Viertelfinal-K.o. gegen Bulgarien noch in den Katakomben des Stadions seinen Rücktritt erklärte, gestand Vogts zum einzigen Mal in seiner Amtszeit offen ein, eine falsche Personalentscheidung getroffen zu haben. Danach war Köpke vier Jahre lang seine Nummer eins.

Mit einer Entscheidung zu Gunsten des Jüngeren hatte schon Sepp Herberger bei der WM 1962 in Chile für gehörigen Ärger gesorgt. Der Bundestrainer setzte völlig überraschend auf Wolfgang Fahrian, der sechs Jahre ältere Stammtorhüter Hans Tilkowski tobte.

Im Alter liegt ein besonderes Konflikt-Potenzial. Lehmanns Problem ist die fehlende Perspektive, weil er mit 34 Jahren genauso alt ist wie Kahn und die Hoffnung auf ein Turnier als Nummer eins immer mehr schwindet. Darum begehrte er zuletzt auf. Kahn hatte es da leichter, Köpke war sieben Jahre älter als er und damit eine Wachablösung durch den Torhüter von Bayern München programmiert. Der nächste Generationswechsel steht nach der Weltmeisterschaft 2006 an, aber der dann schon 36 Jahre alte Lehmann wird Kahn auch dann nicht als Nummer eins ablösen.

Schreibe einen Kommentar