Favre und das Problem des Zwischen-den-Zeilen-Lesens

Favre und das Problem des Zwischen-den-Zeilen-Lesens
Bildhinweis: Um die Zukunft von Dortmunds Trainer Lucien Favre gibt es erneut Diskussionen. Foto: Bernd Thissen/dpa

Dortmund (dpa) – Lucien Favre spricht wenig und sagt oft noch weniger. Vielleicht glaubt man deshalb, bei ihm ständig zwischen den Zeilen lesen zu müssen. Wo es manchmal vielleicht gar nichts zu lesen gibt.

Doch als der Trainer von Borussia Dortmund nach der 0:1-Niederlage im Spitzenspiel gegen den FC Bayern erklärte, er werde «in ein paar Wochen» über seine persönliche Situation sprechen, schreckten viele auf. Und nicht nur Sky-Experte Lothar Matthäus verstand dies als Abschieds-Ankündigung.

Favre, seine Bosse Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke bemühten sich tags darauf auf zahlreichen Kanälen, die sich verselbstständigende Nachricht vom bevorstehenden Abschied Favres einzufangen. Favre selbst beteuerte bei Sky und in der «Bild»-Zeitung, dass er falsch verstanden worden sei und bezeichnete Matthäus‘ Deutung gar als «unglaublich und nicht akzeptabel».

Und dann ging Lucien Favre wieder zur Tagesordnung über. Als er am Freitag seine Pressekonferenz vor dem Spiel beim Tabellenletzten SC Paderborn (Sonntag, 18.00 Uhr/Sky) gab, war er wieder augenscheinlich darum bemüht, möglichst nichts zu sagen. Erst recht nichts, was gedeutet werden könnte. Die eine Frage, die ihm auf der virtuellen Konferenz zu seiner Zukunft vorgelesen wurde, beantwortete er mit demonstrativer Gelassenheit, vielleicht sogar einem Stück Gleichgültigkeit. «Ich konzentriere mich auf das Wesentliche», sagte der Schweizer: «Ich bereite das Spiel vor und fertig. Mehr kann ich nicht sagen.»

Dabei müsste alleine schon die Kombination der Spiele gegen München und Paderborn bei dem 62-Jährigen schlimme Erinnerungen wecken. Als der BVB in der Hinrunde bei den Bayern mit 0:4 einging und dann zur Pause 0:3 gegen Paderborn zurücklag, stand er wohl tatsächlich relativ dicht vor einer Freistellung. Dass sein Team noch das 3:3 schaffte, verschaffte ihm wohl Luft. Zwölf der nächsten 15 Bundesliga-Spiele gewann der BVB. Bis wieder die Bayern kamen.

Nach dem Paderborn-Spiel hätten «einige Prozesse eingesetzt», sagte Zorc: «Die Mannschaft hat sich zusammengesetzt, mal alleine, mal mit dem Trainer. Da ist dann eine Eigendynamik entstanden nach dem Motto: «Nie wieder so wie in der ersten Halbzeit gegen Paderborn.» Sicher eher unfreiwillig redete Zorc damit den Anteil des Trainers am Umschwung klein. Freilich stärkt er ihm beharrlich den Rücken und versichert: «Wir führen keine Trainer-Diskussion.».

Die Frage, warum das Team zum wiederholten Male den Big Point verpasste, konnte Zorc nicht klar beantworten. Es sei diesmal «relativ eng» gewesen, sagte er. Gestand aber auch ein: «Wir müssen uns weiterentwickeln, dass wir es auch in den Schlüsselspielen schaffen, 100 Prozent Leistung abzurufen.»

Und genau das ist letztlich der Kern der Kritik an Favre. Schließlich könnte der Schweizer zum zweiten Mal in Folge Vize-Meister werden, nachdem der BVB im Jahr vor seinem Amtsantritt Vierter geworden war. Sein Team zeigt in vielen Spielen schönen, ja begeisternden Fußball. Doch wenn die Chance auf einen großen Schritt kam, wurde sie verpasst.

Das liege an Favre, dem Zauderer, dem Zweifler, vermuten viele. Der das Team zu oft ermahne und zu wenig ermutige. Dieses Bild wird Favre weiter verfolgen. Er tut in der Außendarstellung wenig, es zu ändern. Und auch sportlich schaffte er es bisher nicht, es zu widerlegen. Und deshalb wird er sicher auch den BVB-Bossen nach dem Saisonende ein paar Fragen beantworten müssen.

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