«Sprachlos» – Tränen und Entsetzen nach deutschem WM-Aus

«Sprachlos» – Tränen und Entsetzen nach deutschem WM-Aus
Bildhinweis: Dirk Nowitzki ist einfach nur «sprachlos». Foto: Frank Franklin Ii/AP

Kasan/Berlin (dpa) – Nicht nur beim früheren Weltmeister Thomas Müller fließen die Tränen. Ob bei den deutschen Fans im Stadion in Kasan, beim Public Viewing oder im Netz – überall herrscht nach dem WM-Aus der Fußball-Nationalmannschaft blankes Entsetzen.

Auf der Berliner Fanmeile am Brandenburger Tor weinen schwarz-rot-gold-geschmückte Gäste bitterlich. Aus dem kollektiven Stöhnen über verpasste Chancen wird ein tiefes Seufzen. Viele schlagen die Hände entsetzt vors Gesicht, andere stützen sich erschöpft auf die Absperrgitter, die Köpfe zum Boden. Hinschauen will erstmal kaum noch jemand.

«Sprachlos» – steht auf dem offiziellen Twitterkanal der deutschen Mannschaft. Und «sprachlos» ist auch Basketballstar Dirk Nowitzki, wie er ebenfalls twittert. Er werde etwas Zeit brauchen. Der frühere Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg postet einen weinenden Emoji – wortlos.

Auch im Hardtwaldstadion im baden-württembergischen Sandhausen hatten sich Fans in Deutschlandtrikots zum gemeinsamen Fußballschauen, Hoffen und Bangen getroffen. Am Ende, nach dem 2:0-Sieg der Südkoreaner, liegen sich viele von ihnen unendlich enttäuscht in den Armen. Schließlich waren die meisten nach dem Last-Minute-Sieg gegen Schweden am vergangenen Samstag erst so richtig in WM-Stimmung gekommen. Kaum jemand hat ernsthaft damit geplant, dass die DFB-Elf nun doch noch scheitert.

Enttäuschung auch in der Politik: «Nicht unsere WM – ist das traurig! Es kommen auch wieder Turniere, bei denen wir jubeln werden», twittert Regierungssprecher Steffen Seibert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt bei einer Konferenz der «Wirtschaftswoche» im Gespräch mit einem Roboter: «Heute sind wir alle sehr traurig.»

Der auch für Sport zuständige Bundesinnenminister Horst Seehofer spricht in der ARD-Sendung Maischberger von einem «schwarzen Tag für uns alle». Zu Schuldzuweisungen wollte er sich nicht äußern. «Ich möchte jetzt erst einmal trauern.» Auch nun dürfe nicht vergessen werden, «dass uns der Bundestrainer auch sehr viele schöne Stunden geschenkt hat».

In Hamburg beim Public Viewing stehen 20.000 Fans nach dem Spiel regungslos zusammen, die Hände vor dem Gesicht oder die Arme verschränkt. Ein Fan wird am Boden sitzend von einer Frau getröstet. Als die meisten schon gegangen sind, sitzt ein Fan enttäuscht auf seiner Deutschlandflagge am Boden.

Doch natürlich gibt es auch glückliche Gewinner, da muss sich Altkanzler Gerhard Schröder diplomatisch zeigen. Er ist mit seiner südkoreanischen Ehefrau So Yeon Kim in Kasan im Stadion. Und sie zeigt ganz deutlich, dass sie zur Mannschaft ihres Heimatlandes hält. Sie trägt ein T-Shirt in Rot, auf dem in weißer Schrift auf Koreanisch zu lesen ist: «Kämpfen, Taehan Minguk». Mit Taehan Minguk feuern die Südkoreaner ihre Mannschaft an. Während des Spiels ist Kim glücklich auf der Tribüne zu sehen, Schröder hält sich nur noch die Hände vor das Gesicht.

«Sprachlosigkeit/Enttäuschung und Wut im Bauch…» empfindet Tennis-Legende Boris Becker. Und der frühere DFB-Kapitän Michael Ballack übt deutliche Kritik an der Fußball-Nationalmannschaft. Er fordert eine «ehrliche Bewertung» und fragt nach «Führung? Persönlichkeit? Mentalität?» 2004 war Ballack mit dem Team bei der Europameisterschaft ebenfalls in der Vorrunde ausgeschieden.

Doch während viele wütend sind, zeigen sich vor allem Sportler in den Sozialen Medien verständnisvoll und zuversichtlich. «Es ist leicht, stolz auf unser Team und Land zu sein, wenn wir Titel gewinnen. Gerade jetzt sollten wir zusammenrücken, aus unseren Fehlern lernen und nach vorne schauen.» Das schreibt der frühere Nationalspieler Arne Friedrich.

Und Ex-Skispringer Sven Hannawald findet das Vorrunden-Aus zwar bitter, meint aber auch: Nach dem Weltmeistertitel 2014 und dem gewonnenen Confed Cup 2017 weiter zu funktionieren, sei fast unmöglich. «Also, liebe 75 Mio-Bundestrainer. Bleibt locker.» Und Tennisspielerin Julia Görges schreibt: «Man gewinnt und man verliert zusammen.»