Löwengrube Bundesliga: Trainer im Dauerstress

Löwengrube Bundesliga: Trainer im Dauerstress
Löwengrube Bundesliga: Trainer im Dauerstress
Stuttgarts Trainer Armin Veh blickt nach der 0:3-Pleite gegen Nürnberg auf den Boden.

Hamburg (dpa) – Die Saison ist kaum aus den Startlöchern, da beginnt bei manchem Bundesliga-Trainer schon das große Zittern. Im Internet sind die «Welcher Trainer fliegt zuerst?»-Wetten längst abgeschlossen, die ersten öffentlichen Spekulationen lassen nicht lange auf sich warten.

«Mir ist klar, dass es jetzt wieder unruhig wird, aber das darf mich in meiner Arbeit nicht belasten», sagte Stuttgarts Trainer Armin Veh nach dem 0:3-Fehlstart gegen den 1. FC Nürnberg. Trotz dieser Beteuerungen steht für Fachleute fest: Das Bangen um den Job nagt am Nervenkostüm der Betroffenen. «Die ständige Instabilität des Arbeitsverhältnisses ergibt eine belastende Spirale, die bisher offenbar nur zwei Auswege kennt: Die Entlassung des Trainers oder sein Burnout», sagt Diplom-Psychologe Christian Nawrath von der Technischen Universität Berlin.

In seiner Studie «Arbeiten auf dem Schleudersitz – Trainer werden, Trainer sein, Trainer bleiben» hat der Wissenschaftler die unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen der Unsicherheit des Arbeitsplatzes bei Trainern erstmals auf breiterer Basis untersucht. Von 2003 bis 2004 hat er in anonymen Fragebögen Stellungnahmen von 30 Trainern aus den drei höchsten deutschen Spielklassen zusammengetragen und zudem mit 37 Coaches persönliche Gespräche geführt.

Viele Trainer betrachten den Dauerdruck als Teil des Geschäfts. «Es wird immer so sein: Ein Spieler trifft aus drei Metern das Tor nicht und am nächsten Tag schreiben die Zeitungen, dass der Trainer die falsche Taktik gewählt hat», sagt Hermann Gerland, der diverse Stationen als Chefcoach in der 1. und 2. Liga hinter sich hat. «Wer das nicht lesen will, soll was anderes machen.» Um Stärke zu zeigen wird das Bangen um den Job akzeptiert wie eine klein gedruckte Vertragsklausel. Kein Wunder, gab es doch erst in der vergangenen Bundesliga-Saison einen Rekord: Bis zur Winterpause waren 8 von 18 Trainern ausgetauscht, am Ende waren es elf. In bisher 43 Erstliga- Spielzeiten wurde 304 Verträge vorzeitig aufgelöst.

Nummer 304 ist Horst Köppel, der nach langem Hin und Her Ende der vorigen Saison bei Borussia Mönchengladbach beurlaubt wurde. «Das hat mich viel Nerven und Kraft gekostet», gesteht der 58-Jährige. «Das höhlt einen auf Dauer aus. Man wird nervöser und hektischer. Ich bin in der Phase auch schon mal vor einem Mikrofon ausgeflippt und nachts bin ich häufiger aufgewacht als sonst», sagt Köppel. Er versucht sein Glück in den Vereinigten Arabischen Emiraten beim Club Al Wahda in Abu Dhabi. Die üppigen Gehälter und Abfindungen bezeichnen viele Trainer in dem Zusammenhang gern als Schmerzensgeld.

«Die Jobunsicherheit wird als Kontrollverlust empfunden. Folgen können Dünnhäutigkeit, Konzentrationsschwäche und Schlafstörungen sein», erklärt Thomas Graw vom Deutschen Institut für Sportmedizin und Sportpsychologie in Bochum. Seiner Meinung nach reagieren Betroffene immer wieder auch mit «Substanzmittelmissbrauch, also dem vermehrten Griff zum Alkohol – auch in der Bundesliga».

Auch prominente und erfolgreiche Trainer können vom hohen Druck berichten. «Für mich war es daher höchste Zeit, Abstand zu gewinnen. Ich hatte Rückenbeschwerden und viele schlaflose Nächte. Jetzt habe ich meinen Schlaf wieder gefunden und bin für jede Minute dankbar, die ich stressfrei leben kann», erzählt der frühere Bayern-Coach und heutige TV-Experte Ottmar Hitzfeld nach gut zweijähriger Abstinenz von der Trainerbank. Auch Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann sprach bei seiner Rücktritts-Pressekonferenz von dem Gefühl, «innen einfach ausgebrannt zu sein».

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