Klinsmann und Bierhoff: «Wir sind ganz am Anfang»

Klinsmann und Bierhoff: «Wir sind ganz am Anfang»
Klinsmann und Bierhoff: «Wir sind ganz am Anfang»
Jürgen Klinsmann (r) und Oliver Bierhoff warten im Ernst-Happel-Stadion auf den Anpfiff.

dpa: Es heißt schon, Hurrikan Jürgen zieht über Fußball-Deutschland hinweg. Sind Sie erstaunt über die Reaktionen auf ihr Reform-Tempo?

Klinsmann: «Ein Hurrikan ist es in keinster Weise, vielleicht ein Windstoß. Was wir gemeinsam angepackt haben, sind ganz normale Dinge, aber sie schlagen hohe Wellen. Wenn das WM-Quartier der Mannschaft tagelang Gesprächsthema ist und von allen möglichen Leuten diskutiert wird, muss man eigentlich den Kopf schütteln. Andererseits zeigt es uns das große Interesse an der Nationalmannschaft und der WM.»

dpa: Im Streit um das WM-Quartier gibt es zwei scheinbar unverrückbare Seiten: Bayer Leverkusen und einige DFB-Funktionäre wie Theo Zwanziger pochen auf frühere Absprachen, Sie stellen diese in Frage.

Klinsmann: «Wir wurden ja selbst von der Diskussion überrascht, nachdem sie aus unserem eigenen Haus nach außen getragen wurde. Aber egal, wer sich jetzt alles zu Wort meldet: Nur der Trainerstab entscheidet, wo wir 2006 untergebracht werden. So haben wir uns auch bei unserem Treffen mit der DFB-Spitze in Berlin klar positioniert. Wir verstehen ja die Zusammenhänge von früher: DFB, Leverkusen, irgendwelche Vereinbarungen, die Person Rudi Völler und seine Verbindungen zu Bayer. Für all das habe ich totales Verständnis. Aber jetzt ist eine ganz andere Situation da. Es gibt mit uns einen neuen Führungsstab, und dem muss man das Recht geben, Dinge so anzupacken, wie er es für richtig hält.»

Bierhoff: «Das Wichtigste ist doch der sportliche Erfolg der Mannschaft, darauf muss alles ausgerichtet sein. Und die jetzige Lösung ist nicht optimal, das muss man einfach zugeben. Das haben auch die Spieler gesagt, mit denen wir uns am Rande des Brasilien-Länderspiels in Berlin unterhalten haben.»

dpa: Was muss das optimale WM-Quartier bieten?

Bierhoff: «Optimale Trainingsbedingungen und ausreichend Zeit zur Erholung – das sind die beiden wichtigsten Punkte. Dazu kommen viele Kleinigkeiten. Wir verlangen absolute Professionalität von den Spielern, also müssen wir die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.»

Klinsmann: «Es kann ja auch sein, dass wir in mehrere Hotels gehen und alle zehn Tage umziehen. Wir müssen ein Gespür dafür bekommen, wo die Spieler hinwollen: An einen See, in die Stadt oder in die Nähe eines Parks. Dazu kommen logistische Fragen. Wir sind da ganz am Anfang und nehmen uns alle Zeit der Welt, bis wir uns entscheiden. Es kann auch sein, dass dies erst nach dem Confederations Cup im nächsten Sommer sein wird.»

dpa: Praktisch alle Spitzenfunktionäre des DFB haben sich in der Quartierfrage mit Forderungen zu Wort gemeldet. Außerdem will die Deutsche Fußball-Liga mehr Mitspracherecht, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Wissen Sie, wer Ihr Chef ist?

Klinsmann: «Ganz klar Gerhard Mayer-Vorfelder, der DFB-Präsident.»

Bierhoff: «Bei mir auch. Ich muss aber DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt Bericht erstatten. Da es bei mir um das operative Geschäft und die tägliche Arbeit geht, ist er der optimale Ansprechpartner.»

dpa: Bei Jürgen Klinsmann und Joachim Löw war das Aufgabenfeld als Trainer von Anfang an klar, nicht so bei Oliver Bierhoff. Was macht der Team-Manager den ganzen Tag?

Bierhoff: «Es ist ein wahnsinnig großes Spektrum. Ein paar Beispiele: Vor dem ersten Spiel in Österreich habe ich die Vereins- Manager angerufen und ihnen gesagt, dass die Nationalspieler einen Tag länger in Wien bleiben, weil es die sportliche Führung so wollte. Vorhin war ich mit Leuten von adidas zusammen, da ging es um neue Farben in der Trainingskluft, weil wir die von der sportlichen Führung vorgegebene neue Spielweise auch äußerlich verkörpern wollen. Dann habe ich mit Benny Lauth telefoniert, obwohl er derzeit nicht zur Nationalmannschaft gehört, und ihn gefragt, wie der aktuelle Stand bei ihm ist.»

dpa: All dies geschieht im Verborgenen, das Rampenlicht gehört Jürgen Klinsmann. Stört Sie das nicht?

Bierhoff: «Nein, aber es stimmt schon. Mein Bereich wird nicht so registriert, auch weil für mich im Gegensatz zum Club-Manager die Bereiche Spieler-Einkäufe und -Verkäufe wegfallen. Aber damit kann ich gut leben. Ich habe kein Problem damit, mich zurückzunehmen.»

Klinsmann: «Für Joachim und mich ist Oliver unheimlich wichtig. Für mich war seine Rolle von Anfang an klar definiert, noch bevor ich mit ihm zum ersten Mal gesprochen habe. Er ist Bindeglied zur Mannschaft, zu den Sponsoren, zu den Medien, zum ganzen Trainerstab. Er muss repräsentative Dinge wahrnehmen. Ich habe ihm gleich gesagt: Da kommt mehr als ein Fulltime-Job auf dich zu.»

Bierhoff: «Ich habe einen sehr engen Kontakt zur sportlichen Führung, spüre die Schwingungen. Und ich muss sagen. Jürgen macht das super, wie er mit den Spielern spricht, ihnen Selbstvertrauen gibt. Wir wollen ja diese selbstbewussten und mündigen Spieler, die diszipliniert und professionell ihre Pflichten erfüllen.»

dpa: Haben Sie Michael Ballack zum Kapitän gemacht, weil er dieses Profil verkörpert?

Klinsmann: «Michael spielt eine sehr entscheidende Rolle Richtung 2006. Er ist ein Ausnahmespieler, der international am meisten geschätzte deutsche Feldspieler. Wir sind davon überzeugt, dass er immer mehr in die Kapitänsrolle wachsen wird. Er wird auf dem Weg zur WM und beim Turnier eine tragende Rolle spielen. Aber es gibt noch einige andere Spieler, bei denen ich mir sicher bin, dass sie bis 2006 noch ein paar Stufen auf der Leiter hoch klettern werden.»

dpa: Auch Robert Huth? Kaum jemand kannte ihn, beim FC Chelsea spielt er nie, doch unter Ihrer Regie wurde er mit 20 Nationalpsieler?

Klinsmann: «Uns hat er auch im Training sein Potenzial deutlich gezeigt und sich im Prinzip mit zwei Spielen in den Stamm der Nationalmannschaft gespielt. Er steckt voller Selbstbewusstsein, ist sehr wachsam und konzentriert. Natürlich ist die Situation bei Chelsea für ihn problematisch. Aber von uns hat er absolute Rückendeckung. Demnächst fahren wir mal nach England und suchen das Gespräch mit seinem Vereinstrainer Mourinho.»

dpa: Haben Sie bei Ihrem Amtsantritt Skepsis bei den Spielern gespürt?

Klinsmann: «Ich war sechs Jahre in Amerika und nur sporadisch in Deutschland, und bin dann zurückgekommen in einer Funktion voller Verantwortung. Da ist es klar, dass man sich zuerst beschnuppert. Deshalb war es wichtig, den Spielern gleich zu zeigen, wer wir sind. Unsere allererste Mannschaftssitzung haben wir mit einem emotionalen Video eröffnet mit den deutschen WM-Erfolgen von 1954, 1974, 1990, der Vize-Weltmeisterschaft 2002 und zum Schluss Berlin 2006. Da wollen wir hin, haben wir gesagt, und darauf wollen wir mit Spaß und Emotionen hinarbeiten. Denn ohne Spaß, positive Energie und Lebensfreude kann man nie sein wirkliches Potenzial ausschöpfen. Das Fundament einer Gruppe, die etwas Großes erreichen will, ist positive Atmosphäre, Teamgeist, Kameradschaft.»

dpa: So wie 1996, als sie gemeinsam in England Europameister wurden?

Klinsmann: «Damals waren wir alle eine Mannschaft, ob Stamm- oder Reservespieler. Wir hatten viele Verletzte, aber jeder, der reinkam, war tausendprozentiger Ersatz. Oliver musste bis ganz zum Schluss auf seine Chance warten und hat dann gegen Tschechien beide Tore zum Titel gemacht. Die EM in England war eine wertvolle Lebenserfahrung.»

Bierhoff: «Die 96er-Mannschaft hatte einen großen Siegeswillen und eine mannschaftliche Geschlossenheit. Das kann man nicht anordnen, das wurde gelebt. Und unsere Aufgabe ist es, dass wir den Spielern vermitteln, dass der Wunsch, 2006 etwas Großes zu tun, von ihnen und von innen heraus kommen muss.»

dpa: 1996 holten Sie den Titel in ein floriendes Deutschland, davon kann derzeit keine Rede sein. Sehnen Sie sich nach mehr Grundoptimismus?

Klinsmann: «Sicher ist alles schwieriger in einer Zeit, in der es in unserer Gesellschaft seit Jahren stagniert. Seit der Wiedervereinigung mussten wir einiges wegstecken. Und gerade für uns Deutsche ist es nicht einfach, damit umzugehen. Denn wir wollen uns immer verbessern, wollen immer, dass es nach oben geht. Und jetzt geht es auf Grund der globalen Wirtschaft eben schon seit Jahren nicht mehr nach oben. Das wurmt uns.»

dpa: Auch den deutschen Fußball-Nationalspieler?

Klinsmann: «Es ist für die Spieler sehr schwer, sich dieser grundsätzlichen Kritikstimmung im Land zu entziehen. Acht von zehn Fragen, die man ihnen stellt, sind negativ behaftet, weil sich unsere Medienlandschaft auf Konfrontation aufbaut. Umso wichtiger ist es, dass wir eine positive Denkweise rüberbringen, dass wir der Mannschaft vermitteln: Sie hat die faszinierende Möglichkeit, die Leute draußen positiv zu bewegen, wenn sie ein Selbstvertrauen entwickelt und mutig nach vorn spielt. Die Nationalmannschaft hat eine absolute Ausnahmestellung in unserer Gesellschaft, weil sich so viele mit ihr identifizieren.»

Oliver Hartmann/Klaus Bergmann, dpa