Jürgen Klopp ist «fast immer guter Stimmung»

Jürgen Klopp ist «fast immer guter Stimmung»
Jürgen Klopp ist «fast immer guter Stimmung»
Jürgen Klopp (r) und seine Frau Ulla nach ihrer Trauung am 5. Dezember in Mainz.

Mainz (dpa) – Jürgen Klopp ist gläubiger Christ und betet fast jeden Tag. Der Kult-Trainer vom Fußballzweitligisten FSV Mainz 05 genießt die Atmosphäre in Kirchen, geht aber nicht regelmäßig hin.

«Glaube spielt sich bei mir im Kopf und im Herzen ab und ist nicht an Orte gebunden», sagte der 40-Jährige in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa und offenbart ein wenig von seiner privaten Seite.

Wie leben Sie mit dem Rummel um Ihre Person als Kult-Trainer»?

Jürgen Klopp: «Mein Leben hat sich nicht verändert. Aber die Leute haben das Gefühl, dass ich ständig im Fernsehen bin. Bisher hat es mir nicht geschadet. In wieweit es mir geholfen hat, kann ich überhaupt nicht einschätzen, weil ich mit niemanden darüber spreche: Mit den meisten Leuten, die ich treffe, rede ich über Fußball, nicht über Fernsehen.»

Wie geht es mit dem ZDF-Trio Klopp, Urs Meier und Johannes B. Kerner weiter?

Klopp: «Wir verstehen uns privat super, wir sind bei der (Fußball-) Weltmeisterschaft im Sommer 2006 Freunde geworden. Wir waren abends in Berlin unterwegs wie alle, wenn wir nicht gesendet haben. Dieser Stimmung konnte man sich nicht entziehen. Bei der Europameisterschaft 2008 geht es von der Seebühne in Bregenz weiter.»

In der Debatte um Manager-Gehälter wurden auch Fußball-Profis ins Spiel gebracht. Verdienen die zu viel Geld?

Klopp: «Der Unterschied zwischen Managern und Bundesliga-Profis ist der, dass die mit 35 Jahren fertig sind. Aber es gibt manche Manager, die sitzen noch mit 70 Jahren in Verwaltungsaufsichtsräten. Das wir ein Land voller Fußballmillionäre haben, ist ganz bestimmt nicht so. Da gibt es ganz andere Länder. Klar gibt es Leute, die unheimlich viel verdienen, und viele, die richtig gut verdienen, aber mit dem Wissen, mit 35 geht es in Fußball-Rente. Das heißt, mit 33 ist Dir irgendwann klar, dass Du demnächst etwas machen musst, was Du definitiv nicht so gut kannst wie Fußball spielen.»

Wie sehen Sie Ihren Stil als Trainer? Sind Sie streng?

Klopp: «Meist werde ich als Frauen- und Spielerversteher dargestellt. Das ist aber nicht gerade ein Qualitätskriterium im Fußball. Ich bin grundsätzlich fast immer guter Stimmung – das ist Naturell. Die Jungs profitieren davon auch im Umgang, solange sie sich an das halten, was notwendig ist. In dem Augenblick, in dem einer links oder rechts ausschert, gibt es auch was zwischen die Hörner, eine Sanktion, und dann ist es auch gut. Ich unterscheide ganz klar zwischen dem Menschen und dem Spieler. Der Spieler kann Bockmist bauen, das hat für mich mit dem Menschen erstmal gar nichts zu tun. Die Prioritätenliste ist ganz klar: Die heißt Familie, dann kommt allerdings Fußball, Fußball, Fußball, Fußball, Fußball – und dann, was jeder so will.»

Worin liegen die Unterschiede zwischen Ihrer Rolle als Trainer und als Familienvater?

Klopp: «Der große Unterschied ist: Ich mag meine Spieler ­ aber ich liebe meine Jungs. Wenn man ganz junge Menschen begleitet und das täglich und auch in Extremsituationen, hat das natürlich mit Erfahrung weitergeben und mit Erziehung zu tun. Nichts anderes ist Kindererziehung auch: Erfahrung mitgeben. In Extremsituation kann ich mal sagen: „Kenn ich, ist nicht so schlimm, geht vorbei“. Pubertät beispielsweise.»

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Klopp: «Ich lese super gerne. Dazu hätte ich tatsächlich ab und zu Zeit, aber nicht immer einen Kopf. Ich bin jemand, der relativ stark abtaucht in so eine Geschichte. Solche Bücher wie die von Tommy Jaud („Vollidiot“), kann ich in jeder Phase lesen, die sind überragend. Ich habe selten so gelacht. Aber am liebsten lese ich geschichtliche Romane wie die „Päpstin“ oder „Säulen der Erde“ ­ da baue ich Kathedralen in Gedanken. Meine Frau Ulla und ich, wir lesen beide sehr gerne ist und können das auch klasse gemeinsam machen.»

Sind Sie abergläubisch?

Klopp: «Eigentlich gar nicht. Aber es fällt mir manchmal auf, dass ich mich an Dinge erinnern kann, die ich vor dem Erfolg eines Spieles gemacht habe und ertappe mich dann dabei, es nochmal zu machen. Aber nie so, dass ich unruhig werde, wenn ich merke, es geht heute nicht. Es ist wie so ein kleiner Versuch, nichts dem Zufall zu überlassen.»

Sie sind bekennender Christ. Welche Rolle spielt Ihr Glaube im Alltag?

Klopp: «Ich bete täglich. Ich gehe aber nicht regelmäßig in die Kirche. Glaube spielt sich bei mir im Kopf und im Herzen ab und ist nicht an Orte gebunden. Ich genieße aber die Atmosphäre in der Kirche. Meine Frau ist katholisch, ich bin evangelisch. Wir schauen immer mal im anderen Club vorbei. Ich mag Rituale, Dinge, die dem Menschen Sicherheit und in gewisser Weise auch Trost geben. Ich habe lange gebraucht, um den gütigen, den richtigen Gott zu erfahren. Wenn man von einer schwäbischen Mutter groß gezogen wird und der Vater die ganze Woche im Außendienst ist, dann gibts zum einen einen strafenden Gott und zum anderen den Vater, wenn er heim kommt.»

Welches Weltbild verbinden Sie mit Ihrem Glauben?

Klopp: «Ich finde grundsätzlich, dass der Auftrag, den wir auf der Welt haben, der ist, das kleine Stückchen Erde, auf dem wir uns befinden, einfach ein bisschen schöner zu machen. Ich möchte mich so verhalten, dass es den anderen auch gut geht. Es ist mir ganz wichtig, wie es Familie und Freunden geht. Ich bin sicher tolerant und anderen Religionen gegenüber aufgeschlossen. Ich glaube daran, dass es nach dem Leben weiter geht. Ich bin der absolut festen Überzeugung, dass wir uns alle irgendwann da oben vor der Tür wieder treffen und sagen: „Mein Gott deswegen haben wir so ein Theater gemacht“»

Hilft Ihnen Ihr Glaube, zu entspannen?

Klopp: «Ja auch. Ich habe ja alles andere als Pech gehabt im Leben. Natürlich stellt sich da die Frage, hat meine Einstellung zu dem Leben geführt, oder das Leben zu der Einstellung? Ich weiß nur, dass es mir eigentlich immer so ging: Ich war schlecht in der Schule, und mir ging es trotzdem gut. Nicht jede persönliche Niederlage muss einen Schatten über den Resttag werfen. Zu wissen, dass man nicht so wahnsinnig wichtig ist und trotzdem eine wichtige Aufgabe hat, hilft schon dabei sich zu entspannen. Ich schlafe sensationell.»

Welche Ziele haben Sie?

Klopp: «Ich möchte der beste Trainer werden, der ich sein kann. Das ist schon alles. Deswegen sitze ich zu Hause im Büro und gucke mir Spiele an, die sonst keinen Menschen auf der Welt interessieren, und das fünf Stunden lang, um zu gucken, was machen die eigentlich und vor allem warum. Ich bin total gespannt auf meine Zukunft, was noch alles passiert. Aber ich weiß heute schon, dass, wenn ich in 20, 30 Jahren auf die Trainerkarriere zurückblicke und ich keinen Meistertitel gewonnen hätte, das dann trotzdem ok wäre. Ich bin niemand, der Dingen hinterher weint.»

Was hat Ihnen Ihr 40. Geburtstag in diesem Jahr bedeutet?

Klopp: «Die 40 interessiert mich gar nicht. Solange ich nicht mit einem Pepitahut im Auto sitze und eine Klopapierrolle hinten auf der Ablage habe, ist mit mir – glaube ich – alles in Ordnung. Meine Frau gibt mir das Gefühl, mich absolut zu lieben und klasse zu finden, deswegen müsste ich mir jetzt über Falten, die ich kriege, nicht so viel Gedanken machen. Fast alle 40-Jährigen haben nicht mehr die gleiche Figur wie mit 30. Ich komme damit absolut zurecht.»

Was machen Sie mit 50 oder 60 Jahren?

Klopp: «Ich kann mir vorstellen, in 15, 20 Jahren mal dem Trainer-Job in den Staaten an irgendeinem College nachzugehen. Den Job liebe ich über alles. Im Moment ist das noch an Ehrgeiz gekoppelt, aus bestimmten Situationen das Maximale rauszuholen. Das wird nicht mein Leben lang so sein. Ich werde nicht mit 65 noch irgendwo sagen: „Wenn ich dieses Jahr nicht Meister werde, dann ist es eine Katastrophe“. Sondern dann bin ich irgendwo, wo ich den Job immer noch mache, falls ich ihn noch machen kann und immer noch Lust dazu habe, was ich glaube, aber dann mit deutlich weniger Wochenenden.»

Hat es Sie genervt, dass Sie wegen Ihres Aussehens mit Harry Potter verglichen wurden?

Klopp: «Harry Potter hat mich null genervt. Haare, Brille und irgendwie Zauberstab. Ich habe ein großes Talent dafür, solche Dinge komplett an mir vorbeirauschen zu lassen. Die Haare bedecken mittlerweile nur noch die Geheimratsecken, das war es auch schon. Und rasieren tu ich mich dann, wenn ich dran denke. Meine Frau Ulla stört es nicht. Das ist cool.»

Was regt Sie auf? Was ärgert Sie?

Klopp: «Wenn wir unnötigerweise verlieren, ärgert mich das sogar sehr. Wenn Leute mit ihrem Talent schludern, ärgert mich das. Wenn Leute eine Chance, die man ihnen bietet, nicht erkennen. Sich nicht alles abzuverlangen, ärgert mich, weil ich einfach finde, wenn ich was mache, kann man es gefälligst auch richtig machen. Sonst lasse ich’s.»

Haben Sie Vorsätze fürs neue Jahr?

Klopp: «Ich bin jemand, der sich immer auf das konzentriert, was er gerade macht. Ich bin nicht jemand, der versucht vier Sachen gleichzeitig zu machen.»

Interview: Ira Schaible und Detlef Rehling, dpa

Schreibe einen Kommentar