Blitzmeldung 1954: Deutschland ist Weltmeister

Blitzmeldung 1954: Deutschland ist Weltmeister
Blitzmeldung 1954: Deutschland ist Weltmeister
Die deutschen Spieler jubeln im Berner Wankdorfstadion nach ihrem Sieg.

Hamburg (dpa) – Um 18.37 Uhr schlug in den deutschen Redaktionsstuben der Blitz ein: «deutschland fussballweltmeister durch 3:2-sieg ueber ungarn». Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) jagte am 4. Juli 1954 die Sensation mit einer der selten benutzten Blitzmeldungen über den Sender.

Auch die Uhrzeit ist eine kleine Sensation in einer Zeit, in der jeder Text noch in Lochstreifen gestanzt wurde und mit dem Schneckentempo von 60 Baud, also 60 Zeichen pro Minute, auf die Reise ging (heute wird mit mindestens 4800 Zeichen pro Minute gesendet). Denn Schiedsrichter William Ling (England), der das Spiel fünf Minuten vor der offiziellen Anstoßzeit 17.00 Uhr frei gab, hatte nur 60 Sekunden zuvor im Berner Wankdorfstadion abgepfiffen.

Ein Blick ins dpa-Archiv gibt den Blick frei für die großen Veränderungen, die sich in 50 Jahren in der Berichterstattung über Großereignisse und auch in der Sprache vollzogen haben. Niemand würde heute einen Bericht über ein WM-Finale publizieren, der so beginnt: «mit einem 3:2-sieg ueber ungarn im endspiel der fussball- weltmeisterschaft 1954 gewann deutschland am sonntag vor 60 000 zuschauern – darunter 5 000 deutsche – den titel. in der letzten viertelstunde sicherte sich die deutsche elf gegen den nachlassenden olympiasieger mit ungebrochener kampfkraft den sieg. den entscheidenden treffer schoss rahn fuenf minuten vor dem abpfiff auf eine flanke von schaefer.» Sendezeit 18.55 Uhr, fast 20 Minuten nach Spielschluss. Heute läuft ein erster Bericht mit dem Abpfiff.

Über das Endspiel berichtete dpa in einer sogenannten Serie, deren erster und zweiter Teil eine Stunde vor Spielbeginn gesendet wurde und darüber informierte, dass «die schweizer bundesstadt bern am sonntag im zeichen des endspiels um die fussballweltmeisterschaft stand» und dass «ueber die aufstellungen weder der pressechef noch irgendjemand vom organisationskomitee bescheid wusste». Und weil es regnete, konnte der dpa-Sonderkorrespondent auch berichten, dass «die endspieltips zugunsten deutschlands angezogen hatten, da der glatte rasen den ungarn nicht liegen wuerde». Um 17.23 Uhr, eine halbe Stunde nach dem Anpfiff, gab es in Teil drei dann die Mannschaftsaufstellungen. Da waren in Bern schon vier Tore gefallen, stand es 2:2.

Diese Tore wurden um 18.14 Uhr nachgereicht in Teil vier, der aber zunächst feststellte, dass Bundestrainer Herberger eine Stunde vor Spielbeginn den aufgeweichten Rasen prüfte, «um das richtige schuhzeug fuer die deutschen spieler auszuwaehlen». Hier erfährt man auch, dass «schweizer militaer mit stahlhelm vorbeugend zur aufrechterhaltung der ordnung» an den Außenlinien aufzog. Erst in Teil sieben wird um 19.22 Uhr die Entscheidung geschildert: «fuenf minuten vor dem abpfiff brach schaefer auf dem linken fluegel durch. seine flanke nahm der nach innen gegangene rahn auf, lief noch zwei schritte und schoss den ball – fuer grosits unerreichbar – zum sieg in die linke ecke. der torschuetze wurde von den deutschen spielern vor lauter freude fast erdrueckt.»

Danach allerdings war es nicht anders als heute: Die Politik wollte teilhaben am Erfolg. Also registrierte auch die dpa: «das erste telegramm, das die deutsche mannschaft in bern erreichte, enthielt die glueckwuensche des bundeskanzlers.» Neben Konrad Adenauer telegrafierten unter anderem Bundespräsident Theodor Heuss, Bundesinnenminister Gerhard Schröder, SPD-Chef Erich Olllenhauer und der FDP-Vorsitzende Thomas Dehler. Kein Wunder, dass es auch zu berichten gab: «bei der bundespost herrschte hochbetrieb. das fernmeldeamt in koblenz hatte fuenf minuten nach spielende anmeldungen fuer 120 blitzgespraeche nach der schweiz vorliegen.»

Auch über die Begeisterung in der Heimat wusste dpa zu berichten: «besonders in den wirtsstuben und gaststaetten (Anm.: mit Fernsehgeräten) herrschte grosser andrang, und viele lokalbesitzer mussten zulassungskarten ausgeben.» Schlimm dran waren die Münchner, weil in Bayerns Metropole der TV-Empfang noch relativ schlecht war. Und deshalb waren «eine reihe von filmschauspielern, darunter hardy krueger, matthias wiemann, paul dahlke und hans soehnker, nach stuttgart gekommen, um hier das weltfinale am fernsehschirm mitzuerleben.»

Der Fußball-Sonntag, 4. Juli 1954, hatte übrigens agenturmäßig mit folgender erster Meldung um 12.28 Uhr begonnen: «zu ehren der ungarischen fussball-nationalmannschaft haben die ungarischen arbeiter am sonntag sonderschichten geleistet, um die produktion zu steigern. mehrere fabriken sandten glueckwunschtelegramme in die schweiz, in denen die verbundenheit mit den ungarischen fussballspielern ausgedrueckt wird.» Welch tragische Ironie: Puskas, Hidegkuti und Co. mussten nach der Niederlage heimlich in Ungarn einreisen.

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