1:5-Pleite: Völler verzockt sich wie nie zuvor

1:5-Pleite: Völler verzockt sich wie nie zuvor
1:5-Pleite: Völler verzockt sich wie nie zuvor
Die rumänischen Fans bejubeln den 5:1-Sieg gegen die DFB-Elf.

Bukarest (dpa) – Wie ein Häuflein Elend kauerte Rudi Völler auf dem Rückflug aus Rumänien auf seinem Gangplatz in Reihe 9, rätselte über die eigenen Fehler – und legte nach der Ankunft um 1.15 Uhr am Gepäckband im Kölner Flughafen ein Versprechen für die Zukunft ab.

«Das ist mir eine Lehre, das wird mir in dieser Form nicht mehr passieren», erklärte der Teamchef, der sich Stunden zuvor beim desaströsen 1:5 (0:4) in Bukarest wie nie zuvor in seiner fast vierjährigen Amtszeit verzockt hatte.

«Die Hauptschuld trage ich», übernahm der 44-Jährige die volle Verantwortung für das Debakel, das 48 Tage vor dem Start in die Europameisterschaft völlig unerwartet kam und jede EM-Vorfreude raubte. Obwohl er um die gesundheitlichen Probleme in seinem mitgereisten Personal wusste, nominierte er bis auf Torwart-Debütant Timo Hildebrand keine Spieler nach, damit die auch für die EM vorgesehene Gruppe unter sich blieb.

Bemerkenswert naiv war zudem Völlers Versuch, die völlig indisponierten Mittelfeldspieler Carsten Ramelow und Jens Jeremies das Loch in der Innenverteidigung einer Vierer-Abwehrkette stopfen zu lassen. «Das war der Schlüssel», bekannte der Coach, der zudem erst reagierte, nachdem die deutsche Elf in rekordverdächtigen 23 Minuten vier Gegentore kassiert hatte und sich zur Pause in der Kabine von ihren Schwindelanfällen erholte.

Kapitän Kahn, der noch nie in seiner Profilaufbahn binnen so kurzer Zeit so oft hinter sich greifen musste, war zu diesem Zeitpunkt bereits restlos bedient. Der 34-Jährige räumte das Tor für den Stuttgarter Hildebrand, verzog sich in den Team-Bus und kehrte erst in den Schlussminuten wieder ins Stanescu-Stadion zurück. «Für dieses Spiel gibt es überhaupt keine Entschuldigung. Wir haben uns richtig abschlachten lassen. Das war eine absolute Blamage und ein sehr, sehr großer Rückschlag», sorgte sich der Münchner um die Realisierung der EM-Ziele.

Weitreichende Konsequenzen soll es laut Völler im Hinblick auf die Europameisterschaft weder für die geben, die an der «trostlosen Angelegenheit» (Innenminister Otto Schily) beteiligt waren – noch für die, die zum Teil in letzter Minute gekniffen hatten. Michael Ballack, Frank Baumann und Jens Nowotny kurierten auf der Ersatzbank ihre Zipperlein für den Saison-Endspurt in ihren Clubs aus. Schließlich hatte Völler selbst tagelang das Ergebnis in Bukarest als «zweitrangig» bezeichnet – und damit ein verheerendes Signal gesetzt.

Angesichts der historischen Dimension – nur vier Mal verlor die DFB-Auswahl mit mehr als vier Toren Unterschied – wurde das Resultat erstrangig. «Wenn wir 0:1, 1:2 oder 1:3 verloren hätten, hätten wir damit leben können, aber nicht mit einem 0:4 in einer Halbzeit. Das war unterirdisch. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so abschießen lassen», sagte Völler. Vier Wochen lang wird das Debakel im Raum stehen bleiben, ehe der Teamchef seinen 23-köpfigen Kader beruft und diesen im südbadischen Winden nahe der «Schwarzwald-Klinik» zur Therapie und zweiwöchigen EM-Vorbereitung zusammenzieht.

«Es ist jetzt eine Charakterfrage, wie man das wegsteckt», meinte Zuschauer Ballack nur wenige Minuten nach dem klar beantworteten Charaktertest von Bukarest: «Jetzt muss man wieder aufstehen und Flagge zeigen.» Auch den meisten Teamkollegen fiel nicht mehr ein als das pauschale Gelöbnis zur Besserung. «Ich hoffe, das war ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit», sagte Jeremies lapidar. «Wir müssen das schnell vergessen», forderte Ramelow nach der für ihn bestimmt unvergesslichen Nacht.

Obwohl der Leverkusener der krasseste Versager in der deutschen Zufallself war, bleibt er ebenso wie Jeremies im Hinblick auf die EM eine feste Größe. «Ich brauche Zeit, um über das Spiel und die Leistung des ein oder anderen nachzudenken», ließ Völler aber offen, ob er von seinen langfristig angelegten Personalplanungen noch abrücken wird. Diese sehen als EM-Aufgebot die Rumänien-Fahrer plus die noch verletzten Christian Wörns, Christian Rahn, Miroslav Klose und Andreas Hinkel vor. Das Rennen um den dritten Torhüter-Platz hinter Kahn und Jens Lehmann hat der Stuttgarter Hildebrand gewonnen.

Möglicherweise kommt Völler zur Erkenntnis, dass er zu viele unflexible defensive Mittelfeldspieler im EM-Kader hat. So könnten die beiden 24-jährigen Fabian Ernst und Sebastian Kehl noch am ehesten zu Streichkandidaten werden. Doch wen sollte Völler als Alternative mitnehmen? Der Monate lang verletzte Christian Ziege und der nach Depressionen den Anschluss suchende Sebastian Deisler verkündeten zwar ihre EM-Ambitionen, blieben aber den nötigen Leistungsnachweis schuldig. Einzig der 18-jährige Lukas Podolski verspricht aus dem Kreis der erweiterten Kandidaten eine EM-Bereicherung sein zu können. Zur Stabilisierung der Abwehr aber wird auch der Kölner Stürmer nicht beitragen.

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