Schärfere Regelauslegung: Fluch oder Segen für den Fußball?

Schärfere Regelauslegung: Fluch oder Segen für den Fußball?
Bildhinweis: Seit Beginn der Rückrunde sind die Schiedsrichter angehalten deutlich strikter vorzugehen: Schiedsrichter Patrick Ittrich hat eine Karte gezückt. Foto: Friso Gentsch/dpa

Hannover (dpa) – Es wird heftig diskutiert und gestritten in Fußball-Deutschland. Im Mittelpunkt: mal wieder die Schiedsrichter. Seit Beginn der Rückrunde gehen sie gegen das ständige Reklamieren, Schimpfen und Protestieren der Spieler und gegen Schauspielerei deutlich strikter vor.

Die Folge: eine Flut an Gelben Karten und ein Aufschrei der Beteiligten. Die einen halten das Vorgehen der Unparteiischen für überfällig, die anderen fürchten, der Fußball verliere so seine Emotionen. Ein Pro und Kontra der Deutschen Presse-Agentur:

These: Der Zeitpunkt der strikteren Regelauslegung ist unglücklich und fragwürdig.

Pro: Es ist zumindest zu hinterfragen, warum die Kehrtwende zu Beginn der Rückrunde und damit mitten im laufenden Wettbewerb vollzogen wird. Böse Zungen sprechen bereits von Wettbewerbsverzerrung. Der Gladbacher Alassane Pléa wäre in der Hinrunde sicher nicht vom Platz geflogen. Ein härteres Vorgehen mit Beginn der neuen Saison wäre sinnvoller gewesen.

Kontra: Alles Quatsch. Die Vereine wurden vom Deutschen Fußball-Bund vor Beginn der Rückrunde ausführlich über die neue Herangehensweise der Schiedsrichter informiert. Es kann keinen überraschen, was nun passiert. Das Vorgehen ist überfällig, der Beginn der Rückrunde also genau der richtige Zeitpunkt.

These: Die Schiedsrichter haben Probleme mit der Umsetzung, sie sollten mehr Fingerspitzengefühl zeigen.

Pro: Wie schon beim Videobeweis agieren einige Schiedsrichter bei der Umsetzung unglücklich. So trug Tobias Stieler mit seinem Auftreten im Spitzenspiel Leipzig gegen Gladbach maßgeblich dazu bei, dass im zweiten Durchgang große Hektik aufkam. Allen Regeln zum Trotz: In vielen Fällen wäre Dialog besser als Konfrontation, das vielzitierte Fingerspitzengefühl könnte manchmal deeskalierend wirken. Das forderte auch Lothar Matthäus am Wochenende vehement.

Kontra: Stimmt nicht. Die Schiedsrichter machen genau das, was sie in der Winterpause angekündigt haben. «Wir sind sehr zufrieden», sagte der beim DFB für das Training der Referees zuständige Peter Sippel. Es sei nun an Spielern, Trainern und Verantwortlichen der Clubs, sich auf das neue Vorgehen einzustellen, meinen die Schiedsrichter. Und Fingerspitzengefühl mit gestressten Schiedsrichtern zeigen die Profis ja auch nicht.

These: Dem Fußball gehen so die Emotionen verloren.

Pro: Spieler und Trainer stehen in den 90 Minuten Bundesliga unter Strom, nicht jede emotionale Äußerung nach einer Entscheidung muss gestattet sein. Einmal Gelb hätte dafür gereicht. Genauso muss nicht jede Aktion der Trainer an der Seitenlinie gleich geahndet werden.

Kontra: Es bleibt auch ohne meckern, schimpfen und reklamieren genügend Raum für Emotionen. Nach Toren darf man weiterhin ebenso jubeln wie man sich nach einer missglückten Aktion ärgern darf. Es ist falsch, ein Reklamieren nach einer Schiedsrichterentscheidung mit Emotionen gleichzusetzen. Das ist eher fehlender Respekt.

These: In anderen Sportarten geht es auch. Die Fußballer sollen sich nicht so anstellen.

Pro: Genau so ist es. Im Handball wird der Ball einfach auf den Boden gelegt, wenn der Schiedsrichter ein Foul gepfiffen hat. Im Basketball gibt es für jede Kritik am Schiedsrichter ein technisches Foul. Und Rugby-Spieler können über das Verhalten ihrer Fußball-Kollegen eh nur lachen. Der Fußball braucht eine neue Kultur im Umgang miteinander.

Kontra: In anderen Sportarten gibt es andere Strafmaße. Eine Zwei-Minuten-Strafe im Handball wirkt weniger schwer als eine Gelb-Rote Karte im Fußball. Außerdem sind Spieler und Trainer auch in anderen Sportarten keine Unschuldslämmer. Bei der Forderung nach Zeitspiel hüpfen zum Beispiel auch im Handball Ersatzspieler und Trainer wie Rumpelstilzchen an der Seitenlinie herum.

Der Profifußball hat eine Vorbildfunktion. Schiedsrichtern in unteren Klassen wird so geholfen.

Pro: Was oben passiert, spiegelt sich postwendend in den unteren Ligen wider. Wochenende für Wochenende kopieren Amateurspieler ihre Idole aus der Bundesliga. Sehr zum Leidwesen hunderter Schiedsrichter in den unteren Ligen. «Die Bundesliga ist ein schlechtes Vorbild», sagte der Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer bereits Ende des vergangenen Jahres.

Kontra: Man darf den Einfluss des Profi-Fußballs nicht überhöhen. Sicherlich haben Profis und Trainer eine Vorbildfunktion. Das, was sich Woche für Woche auf den Amateurplätzen abspielt, ist aber eher ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. In den Fankurven der Bundesliga-Stadien stehen viele Amateurfußballer, die das aktuelle Auftreten der Schiedsrichter nicht nachvollziehen können. Und die diesen Ärger dann auch am Wochenende in ihren Spielen ausleben.

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