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100 Tage nach der WM: Stolz, Lasten und Kater

Kapstadt (dpa) - 18.10.2010, 10:32 Uhr

Manche Stadien in Südafrika sind zu groß für die Ligaspiele.
Manche Stadien in Südafrika sind zu groß für die Ligaspiele.

Südafrika zieht 100 Tage nach der Fußball-WM eine gemischte Bilanz. Unbestritten ist der Gewinn für das Ansehen des Landes.

Auch die Freude über die einigende Woge des Patriotismus während der WM hallt nach - schließlich ist 16 Jahre nach dem Ende der rassistischen Apartheid die Gesellschaft noch tief gespalten. Allerdings macht sich auch Katerstimmung breit: Manche der spektakulären Stadien erweisen sich wie befürchtet als viel zu groß für die spärlich besuchten Spiele der Lokalmannschaften. Auch wirtschaftlich hat die WM weniger gebracht als erhofft - selbst in der Regierung ist der Groll auf den Weltfußballverband FIFA und seine strengen Auflagen deutlich spürbar.

Die WM «ist eine Erfolgsgeschichte, ...weit mehr als nur ein großes Sportereignis, sondern wesentlich für den Markennamen Südafrika», betonte Tourismusminister Marthinus van Schalkwyk. «Die WM hat Südafrika weltweit als fähiges, attraktives Land bekanntgemacht», so der Finanzminister der Provinz Western Cape, Alan Winde. Südafrika werde langfristig profitieren, er rechne mit mehr Auslandsinvestitionen und mehr Touristen.

84 Prozent der ausländischen WM-Besucher seien mit einer besseren Meinung von Südafrika weggefahren als bei ihrer Ankunft. Dies sei Ergebnis einer Umfrage, berichtete FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke jüngst. Eine gründlichere Studie des unabhängigen «Reputation Instituts» (New York) zeigt, dass Südafrika dank der WM in den G8-Staaten binnen sechs Monaten der Image-Sprung von der Gruppe von wenig beliebten Ländern wie Venezuela, Ukraine oder Russland zu den deutlich positiver beurteilten Staaten wie Thailand und Peru gelang.

«Die größte Hinterlassenschaft der WM ist das erneuerte Selbstvertrauen», sagt Finanzminister Pravin Gordhan. Aber von dem Hochgefühl der WM-Wochen, als die Südafrikaner in seltener Einigkeit sich fröhlich feiernd daran berauschten, im Blickpunkt der Welt zu stehen, ist nicht mehr viel geblieben. «Für kurze Zeit waren wir alle Südafrikaner», schwärmt Winde. Aber der Alltag mit seinen Rassenschranken, der Kriminalität, Korruption und Massenarmut hat Südafrika schnell wieder in die harte Wirklichkeit katapultiert: Der Streik der Staatsangestellten, der von Ende August an für Wochen das Land lähmte, war nur ein Beleg von vielen.


Inzwischen haben die Südafrikaner manche Illusionen über die WM begraben. Zwar wurden Milliarden in neue Straßen und Flughäfen gesteckt, die Polizei modernisiert. Aber die Kosten-Nutzen-Rechnung ist ernüchternd. Eine Studie des unabhängigen Instituts «Idasa» kommt zu dem Ergebnis, dass sich die WM für Südafrika kaum rentiert habe. «Selbst wenn die WM erfolgreich war für die "Marke" Südafrika, im Kampf gegen Afro-Pessimismus..., für den Tourismus, die Infrastruktur und die Konjunktur... müssen wir uns fragen, ob diese Ziele nicht auch ohne die Ausgabe von 55 Milliarden Rand (5,8 Milliarden Euro) hätten erreicht werden können», kritisiert die Studie. «Sind kollektive Begeisterung und Nationalstolz... das wert?»

Vor allem die Zukunft der prächtigen WM-Stadien in Johannesburg, Port Elisabeth, Durban und Kapstadt ist fragwürdig. In Kapstadt hat die südafrikanisch-französische Gesellschaft Sail Stadefrance inzwischen den Betreiber-Vertrag gekündigt. Mit dem bildschönen, für vier Milliarden Rand gebauten Green Point Stadion drohten jahrelang Millionenverluste. Nun wird wohl der südafrikanische Steuerzahler einspringen müssen.

Besonders bitter sind inzwischen die Kommentare über die FIFA, die bei der WM steuerfrei über zwei Milliarden einnehmen durfte. «Wir hätten gegenüber der FIFA nicht so oft Ja sagen dürfen», klagte Tourismus-Expertin Gillian Saunders. Besonders in Kapstadt war der Widerstand gegen ein neues Stadion groß, für das man nach der WM kaum Verwendung hätte. «Die haben uns gewaltig unter Druck gesetzt, wir konnten uns gar nicht wehren», meinte ein Minister mit finsterer Miene.

Südafrikas Nationalheld Nelson Mandela hatte vor der WM gemeint, sie werde «die Welt verändern und den Grundstein für eine bessere Zukunft legen». Zumindest haben die Südafrikaner derzeit kaum das Gefühl, dass die WM ihr Land wirklich verändert habe. «Wir sind unheimlich schnell wieder zum Alltag zurückgekehrt», meinte Winde seufzend.

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