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Fan-Krawalle von Genua ruinieren Serbiens EM-Traum

Genua (dpa) - 13.10.2010, 18:54 Uhr

Polizisten riegeln den serbischen Fanblock ab. Das Spiel wurde abgebrochen.
Polizisten riegeln den serbischen Fanblock ab. Das Spiel wurde abgebrochen.

Eine brennende Albanien-Flagge, nationalistische Kosovo-Spruchbänder, Brandgeschosse und brutale Randale: Serbische Hooligans haben mit gezielten Krawallen beim abgebrochenen EM- Qualifikationsspiel in Italien die Fußballwelt geschockt.

Die Gewalteskalation hat eine neue Dimension erreicht. In Italien herrschte am Tag nach den Jagdszenen in der Hafenstadt Genua blankes Entsetzen, die serbische Regierung witterte sogar eine Verschwörung. «Diese Tyrannen sind eine Schande für unser Land», klagte Serbiens Sportministerin Snezana Samardzic-Markovic nach den Ausschreitungen, für die ihre Regierung «politische Saboteure» verantwortlich machte. Die vorläufige Bilanz: 16 Menschen, darunter zwei Polizisten, wurden verletzt.

Nach den hässlichen Gewaltexzessen hat die Europäische Fußball-Union (UEFA) umgehend ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und wird voraussichtlich am 28. Oktober über mögliche Sanktionen entscheiden. Diese reichen von einer Geldstrafe über ein Stadionverbot bis zum Ausschluss aus laufenden oder künftigen Wettbewerben, teilte die UEFA nach dem zweiten Spielabbruch der langen EM-Geschichte mit.

UEFA-Präsident Michel Platini zeigte sich «schockiert» und betonte: «Ich erinnere jeden daran, dass die UEFA eine Null-Toleranz-Politik hat gegenüber Gewalt im Stadion. Er werde «Hilfe von höchster Stelle» in beiden Ländern anfordern, hieß es in einer UEFA-Mitteilung. Zuvor hatte ein Sprecher der Nachrichtenagentur ANSA gesagt: «Neben der Verantwortlichkeit desjenigen, der Ausschreitungen verursacht, gibt es im UEFA-Reglement auch noch die des gastgebenden Verbands. Der Verband, der das Spiel ausrichtet, muss die Sicherheit im Stadion und den ordnungsgemäßen Ablauf eines Spiel garantieren.»

Am 2. Juni 2007 war ebenfalls in der Qualifikation bereits das Gruppenspiel zwischen Dänemark und Schweden in Kopenhagen beim Stand von 3:3 kurz vor dem Abpfiff abgebrochen worden - ein dänischer Fan hatte den deutschen Schiedsrichter Herbert Fandel angegriffen. Das Spiel wurde mit 3:0 für Schweden gewertet.


In Genua verhinderte die Polizei nur mit größter Anstrengung einen Ausbruch der rund 1600 serbischen Fans und damit eine mögliche Panik im Stadion, die zu einer Tragödie wie im Brüsseler Heysel-Stadion hätte führen können. Dort waren 1985 beim Europacupspiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool bei einer Massenpanik 39 Menschen ums Leben gekommen.

«In Genua hat die Polizei ein Blutbad verhindert», sagte Italiens Innenminister Roberto Maroni». «Als ich die Serben die Scheibe eintreten sah, die sie von den italienischen Fans trennt, bekam ich wirklich Angst», gab Italiens Nationalcoach Cesare Prandelli zu. Erst am frühen Mittwochmorgen hatte die Polizei die Situation unter Kontrolle.

Aus Angst vor Brandgeschossen waren die Spieler beider Clubs nach dem Spielabbruch in der siebten Minute in die Kabinen geflüchtet. Das «Stadio Marassi» sah übel aus, verwüstet von Balkan-Hooligans, die die Randale von langer Hand geplant haben sollen. «Das waren Bestien und eher Milizionäre als Hooligans», kommentierte die «Gazzetta dello Sport». Den mutmaßlichen Anführer Ivan Bogdanov nahm die Polizei zusammen mit weiteren 16 Krawallmachern in der Nacht zum 13. Oktober fest, gegen 35 weitere wurde Anzeige erstattet. Die Beamten fanden den 29-Jährigen im Gepäckraum eines Fan-Busses. Sie identifizierten ihn anhand seiner Tätowierungen, die auf den Fernsehbildern zu sehen waren.

Der Boss eines Fanclubs von Roter Stern Belgrad hatte im Stadion Sicherheitsnetze zerschnitten und zusammen mit anderen brennende Feuerwerkskörper und Rauchbomben auf Spielfeld und Tribünen geworfen. Schiedsrichter Craig Thomson brach die wegen der Ausschreitungen bereits mit 35-minütiger Verspätung angepfiffene Partie daraufhin ab. «Nur mit einer Kalaschnikow hätte man diesen Block noch einmal ruhig bekommen», meinte der entsetzte Präsident der italienischen Fußballtrainer, Marcello Nicchi.

Italiens Verteidigungsminister Ignazio La Russa lobte den Polizei-Einsatz und kritisierte eine mangelnde Kooperation mit Belgrad. «Solche Fans hätten von der serbischen Regierung gestoppt werden müssen», betonte der Sport-Sicherheitsbeauftragte des Innenministeriums, Roberto Massucci. In Genua sei kein einziger serbischer Polizist gewesen, kritisierte er. Der serbische Verbandspräsident Tomislav Karadzic offenbarte dagegen, die italienische Polizei vorher gewarnt zu haben. Italienische Behörden haben die Hinweise, dass knapp 400 rechtsextremistische und gewaltbereiten Randalierer auf dem Weg nach Genua seien, offenbar unterschätzt. Serbische Fans hatten bereits nach der 1:3-Pleite ihrer Mannschaft am vergangenen Freitag gegen Estland randaliert.

«Die größte Schande in der Geschichte des serbischen Sports» schrieb die Zeitung «Politika», das auflagenstärkste Blatt «Vecernje Novosti» verurteilte den «Horror». Der serbische Fußball sei in Genua gestorben. Der gebürtige Montenegriner Karadzic vermutet politische Motive hinter den Ausschreitungen. «Dies war kein Angriff auf unser Team, sondern auf unseren Staat», sagte Karadzic. Auch die serbische Regierung sprach von politischer Sabotage: «Offensichtlich will jemand beweisen, dass Serbien weder bereit noch reif für Europa ist»,sagte Slobodan Homen, Staatssekretär im Justizministerium.

Dass die Randalierer in Genua vor allem Torwart Vladimir Stoikovic ins Visier nahmen, sei nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, meinte der Verbandsboss. Der Wechsel des einstigen Roter-Stern-Keepers zum Lokalrivalen Partizan Belgrad habe die Fans nicht wirklich aufgebracht. Stoikovic wurde dennoch schon vor dem Spielerhotel mitten in Genua attackiert und weigerte sich daraufhin zu spielen.

«Er zitterte vor Angst», berichtete der schockierte Prandelli. Gianluca Zambrotta sprach von «einem sehr traurigen Moment für den Fußball». Der für Inter Mailand spielende Serbe Dejan Stankovic kam unter Tränen in die Kabine der «Azzurri» und entschuldigte sich.

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