Identitätskrise: Italien kämpft um sein Comeback
Pretoria (dpa) - 27.06.2010, 11:10 Uhr
Auf den neuen italienischen Nationaltrainer Cesare Prandelli wartet viel Arbeit.
Italiens WM-Versager haben Urlaub, die «Tifosi» müssen ihren Sommerferien einen neuen Sinn geben und Verbandspräsident Giancarlo Abete zerbricht sich den Kopf: «Wie kommt Italien nach dem größten WM-Debakel seiner Geschichte wieder aus dem Tal der Tränen heraus?» Der neue Nationaltrainer Cesare Prandelli muss einen Generationswechsel einläuten. Was Marcello Lippi nicht gelungen ist, wird aber auch ihm schwer fallen. «Es ist eine Ära zu Ende gegangen und in unserer neuen Generation sind keine wirklichen Ausnahmefußballer», sagt der mit 36 Jahren zurückgetretene Kapitän Fabio Cannavaro zurecht. In Südafrika konnte sich nur der Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo empfehlen. Der Mittelfeldspieler des AC Florenz ist aber auch schon 25 Jahre alt. «Wir haben Defizite im Nachwuchs», räumt Abete ein. Zwischen 1992 und 2004 wurde Italiens U 21 fünf Mal Europameister, jetzt bangt sie sogar um die Qualifikation. «Der WM-Misserfolg ist auch der Misserfolg unserer Clubs», behauptete Cannavaro. Statt auf junge italienische Spieler zu setzen, holen sie Ausländer. In der zu Ende gegangenen Saison kamen 42,9 % der Fußballer in der Serie A aus dem Ausland - so viel wie nie zuvor. Inter Mailand gewann die Champions League gegen Bayern München ohne einen einzigen Italiener in der Startelf.
Italiens Talente bekommen bei den Top-Clubs keine Chance. Wer aber keine «Alles oder Nichts-Spiele» im Europacup durchzustehen lernt, bricht psychisch bei einer WM ein. «Meine Spieler hatten Angst», gab Lippi offen zu. Obwohl der Trainer alle Schuld daran auf sich nahm, sind auch die Fans und die italienischen Medien schuldig: Die Tifosi sehen ihr Team lieber mit einem Eigentor nach 90 Minuten Mauerfußball gewinnen, als nach tollen Offensivspiel 2:3 verlieren. Italiens Fußball braucht deshalb auch einen Mentalitätswechsel - wer Angst vor Niederlage hat, kann nicht gewinnen. Auch auf die Fankultur müsse man einwirken, mahnte Cannavaro. Manche Club-Chefs geben offen zu, dass sie von radikalen Fangruppen aus den eigenen Reihen erpresst werden. Gewalt ist in Italiens Stadien alltäglich. Die Regierung hat die Gesetze verschärft und verbietet Fans bei kritischen Partien die Reise zu Auswärtsspielen. Viel geändert hat sich nicht. |