Carlos Alberto Parreira verfolgt das Training des südafrikanischen Teams in Herzogenaurach.
Carlos Alberto Parreira steht wie ein Feldherr auf dem Rasen des Adi-Dassler-Stadions in Herzogenaurach. Mit vor der Brust verschränkten Armen beobachtet der brasilianische Coach das Training der Fußball-Nationalmannschaft von WM-Gastgeber Südafrika.
Für zweieinhalb Wochen hat Parreira mit seinem Team die Zelte im Frankenland aufgeschlagen, um eine Identität für seine Auswahl zu finden. «Das ist es, was uns fehlt», sagt Parreira. «Wenn du an Brasilien oder Deutschland denkst, weißt du genau, wie sie spielen. Auch Spanien oder die Niederlande haben ihren eigenen Stil. Wir haben so etwas noch nicht», erzählt der 67-Jährige. In der Liga spiele jedes Team auf eine andere Weise, weil die Trainer aus allen Ecken dieser Erde stammen.
Auch auf der Bank der Nationalmannschaft nahmen in den vergangenen zwölf Jahren Fußball-Lehrer aus Frankreich, Portugal, Südafrika und Brasilien Platz. «Da konnte sich kein eigener Stil entwickeln», erklärt Parreira, der seit Oktober des vergangenen Jahres zum zweiten Mal für die Auswahl des WM-Ausrichters verantwortlich ist.
Inzwischen scheint der erfahrene Coach ein System für seine Mannschaft gefunden zu haben. «Ich denke, es ist das Beste, wenn wir den Ball am Boden halten. Wenn man sich unsere Spieler ansieht, erkennt man, dass sie nicht groß und kräftig sind», begründet Parreira sein Denken. «Aber sie haben ihre Fähigkeiten: Sie sind technisch gut und flink», sagt der Brasilianer.
Dem Beobachter des Trainings leuchten diese Schlüsse ein. Bis auf den 1,98 Meter großen und kräftigen Matthew Booth, im übrigen der einzige Weiße im vorläufigen Kader, sind die übrigen Spieler eher klein. Dafür sind sie wieselflink und mit viel Spaß bei der Sache. Der Bronzestatue von Adidas-Gründer Adi Dassler im Stadion wird vor jeder Einheit ein Nationaltrikot um den Hals gelegt, einem von Parreiras vielen Assistentrainern wurde unter lautem Gelächter auch schon einmal sein Stapel mit Notizen aus der Hand geschossen.
«Wir sind noch nicht bereit für die WM, aber die Mannschaft entwickelt sich gut», lobt Parreira seine Schützlinge. Auch ansonsten macht der Coach wieder einen zufriedeneren Eindruck, nachdem er vor der Abreise nach Deutschland seinen Verband scharf kritisiert hatte. Den Funktionären war es nicht gelungen, adäquate Testspielgegner zu besorgen, weshalb Südafrika gegen deutsche Amateurclubs spielen sollte.
Mit den Testspielen gegen WM-Teilnehmer Nordkorea und gegen China bestreiten die Südafrikaner jetzt aber doch noch zwei ernsthafte Freundschaftsbegegnungen. «Das ist wichtig, schließlich sind die Erwartungen an uns hoch», sagt Parreira. Die Koreaner reisen aus Spanien an, wo sie derzeit ein Trainingslager abhalten.
Immer wenn sich der Nationaltrainer, der 1994 mit Brasilien Weltmeister wurde, in Südafrika in der Öffentlichkeit zeigt, hört er einen Satz: «Coach, mach uns stolz.» Die Fans würden halt mit dem Herzen und nicht mit dem Gehirn denken, sagt Parreira schmunzelnd.
Trotz all seiner Erfahrung spürt auch er den Druck. «Auch für mich ist es als Coach des Gastgebers eine besondere WM», sagt der Trainer. «Wir müssen Schritt für Schritt denken. Das wichtigste für uns ist es erst einmal, die Vorrunde zu überstehen.» Bei den Gegnern Mexiko, Uruguay und Frankreich wird das schwer genug.