Wo Bundestrainer Joachim Löw die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in zweieinhalb Jahren zum vierten Europameister- Titel führen soll, klaffen heute noch tiefe Baugruben.
Im demolierten Olympiastadion der ukrainischen Hauptstadt Kiew röhren Planierraupen durch den geplanten Endspielort der EM 2012. Pfeiler ragen aus dem ramponierten Rasen, eine Beton-Stele schwenkt an einem Kran zu einer Tribüne. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Am 10./11. Dezember entscheidet das Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union UEFA, wie viele der vier ukrainischen Bewerberstädte den Zuschlag als EM-Spielort erhalten. Wie kaum ein anderes Land lähmt die Finanzkrise und die Schweinegrippe sowie ein erbitterter Präsidentenwahlkampf die Ex- Sowjetrepublik. Die Organisatoren geben sich trotzdem optimistisch.
«Alles wird rechtzeitig fertig», versichert Sportminister Juri Pawlenko und tritt ans Fenster. Von seinem Büro aus hat er einen Panoramablick auf die Großbaustelle Olympiastadion. Der Umbau in der Hauptstadt und auch der Stadien in Charkow und Lwiw (Lemberg) liege «voll im Zeitplan», versichert Pawlenko. In der vierten für die EM vorgesehenen ukrainischen Spielstätte, der neu gebauten Donbass Arena in Donezk, spielt seit August bereits UEFA-Cup-Sieger Schachtjor. Die EM 2012, die die Ukraine gemeinsam mit Polen veranstaltet, wäre das erste Turnier dieser Größe in einem postsowjetischen Land. Dies rufe im Westen Vorurteile hervor, meint Pawlenko. «Es gibt viele Kritiker, die nicht glauben, dass Osteuropa zur Austragung einer EM fähig ist.»
Während die UEFA in Polen bereits Breslau, Danzig, Posen und Warschau als EM-Austragungsstätten bestätigte, reißt die Kritik an der Ukraine seit der Vergabe des Turniers im April 2007 nicht ab. Immer wieder beklagt die UEFA Rückstände bei der Modernisierung der Stadien sowie Mängel in der Infrastruktur und eine unsichere Finanzierung. Unlängst zapfte die Regierung in Kiew das EM-Budget an, um Atemmasken und Medikamente gegen die Schweinegrippe zu kaufen.
Auch UEFA-Präsident Michel Platini rechnet fest damit, dass die Ukraine ihrer Gastgeberrolle gerecht wird. Er schließe aus, dass zum Beispiel Deutschland für den kriselnden Kandidaten einspringen könnte, betont der Franzose. Allerdings sei unklar, ob neben Kiew und Donezk auch Charkow und Lwiw das «Gütesiegel» erhalten würden.
Der ukrainische Fußballverbandschef Grigori Surkis räumt ein, dass das Land von der UEFA zu Recht verwarnt wurde. «Infrastruktur, das bedeutet auch Fremdsprachenkenntnisse der Gastgeber sowie Jugendliche, die sich als EM-Freiwillige zur Verfügung stellen», sagt der Funktionär, der unter der Anzugjacke lässig ein rosa Poloshirt trägt. Stolz zeigt er im Tagungsraum des Verbands zwischen senfgelben Drehstühlen den EM-Pokal, den die ukrainische U-19-Nationalmannschaft im August gewonnen hat. «Ich gehe davon aus, dass die UEFA alle vier Städte bestätigen wird», sagt Surkis mit erstaunlichem Optimismus.
Markijan Lubkiwski vom EM-Organisationskomitee in Kiew betont, dass die Ukraine vieles erst habe lernen müssen. «Wir haben ja nie ein ähnliches Projekt organisiert.» Die EM in Polen und der Ukraine habe gut 20 Jahre nach der Wende auch eine «geopolitische Dimension». Laut Lubkiwski wird der Westen «ganz genau hinschauen» und fragen: «Ist der Osten ein Ort der Instabilität, oder gehört er zur europäischen Völkergemeinschaft?» Mit dieser Vorreiterrolle müssten die beiden Gastgeberländer und die UEFA «sehr verantwortungsvoll umgehen». In der Ukraine rechnet jeder fest mit der EM 2012.