Mit der erstmaligen Vergabe der WM nach Afrika hat die FIFA unbekanntes Terrain beschritten. Jetzt geht das IOC mit Rio de Janeiro als Ausrichter der Olympia-Premiere 2016 in Südamerika ein ähnliches Wagnis ein. Inwieweit spüren Sie Genugtuung? Blatter: «Das ist eine große Genugtuung. Ich hatte eine Änderung des Rotationsprinzips schon bei der letzten Vollversammlung angeregt. Im Fall Brasilien sind wir nicht nur die Vorreiter für Olympia, wir sind auch die Vorspieler. Die Hochzeit zwischen dem IOC und der FIFA ist gut.» Zuletzt gab es in dieser vermeintlich guten Ehe aber einige atmosphärischen Störungen. Die FIFA wollte beim olympischen Fußball-Turniers das Alterslimit auf 21 senken, das IOC am Status quo einer U-23-Auswahl mit drei älteren Spielern festhalten. Blatter: «Ich bin mehr und mehr der Überzeugung, das gegenwärtige System ist nicht schlecht. Ich war ja zuletzt auch für die U21, bis ich gesehen habe, was das bei den Olympiern ausgelöst hat.» Vor Ihrer Bestätigung als IOC-Mitglied mussten sie beim Schwören des olympischen Eides geloben, alles zu tun, was dem IOC nutzt. Kommt jetzt die große Versöhnung? Blatter: «Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden. Wir sollten innerhalb der FIFA entscheiden, dass wir am gegenwärtigen System festhalten wollen. Wir spielen mit einer U-23-Auswahl mit drei älteren Spielern. Mit den drei älteren Spielern hatten wir ohnehin nie ein Problem.» DFB-Präsident Theo Zwanziger gab als Mitglied der UEFA-Exekutive den Hinweis, es gebe Strömungen innerhalb der UEFA, auf eine Olympia-Teilnahme im Männer-Bereich ganz zu verzichten. Blatter: «Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Ich will keinen Machtkampf.» Was sind acht Monate vor WM-Beginn Ihre größten Sorgen? Blatter: «Ich kann gut schlafen, große Sorgen habe ich keine. Die Sicherheit haben wir im Griff, das hat der Confed Cup gezeigt. Eine internationale Gruppe kümmert sich darum, Interpol ist eingeschaltet, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Und die Transportorganisation der Fangruppen ist ein logistisches Problem. Das kann man lösen, und das muss man lösen.» Dafür droht das Hochglanzprodukt WM ohne Deutschland stattzufinden. Haben Sie schon mal an die Negativfolgen gedacht, wenn sich Deutschland oder Argentinien nicht qualifizieren würden? Blatter: «Deutschland gehört zu den großen Mächtigen im Fußball. Im sportwirtschaftlichen Sinne wäre es nicht gut, wenn Deutschland sich nicht qualifizieren könnte. Es wäre nicht das Ende der Welt, aber sie würden uns fehlen. Es wäre allerdings auch nicht gut, wenn Argentinien nicht dabei wäre.» Am 10. Oktober bestreitet Deutschland sein wahrscheinlich entscheidendes Qualifikationsspiel in Russland auf Kunstrasen. Kritiker sprechen von Wettbewerbsverzerrung. Blatter: «Das ist doch keine Wettbewerbsverzerrung. Die Bayern haben doch in der Champions League auch dort auf Kunstrasen gespielt, und der Oliver Kahn hat hinterher gesagt, das war gut, da weiß man genau, wie der Ball springt. Kunstrasen ist die Zukunft.» So offen die FIFA bei der Frage des Untergrunds ist, so hartnäckig weigert sie sich weiterhin gegen den Einsatz technischer Hilfsmittel bei strittigen Torentscheidungen. Warum? Blatter: «Weil wir noch immer nichts gefunden haben, was das Problem eindeutig klärt. Jetzt hat der Erfinder des Hawkeye publik gemacht, dass sein System funktionieren würde. Das schauen wir uns gerne an. Er kann mir sein System vorführen.» Das Experiment mit Torrichtern soll Besserung bringen, aber warum wurde den WM-Schiedsrichtern ein Maulkorb verpasst? Blatter: «Das gefällt mir nicht, das werde ich rückgängig machen. Sonst dürfen die Schiedsrichter ja nie was sagen.» Interview: Sven Busch, dpa
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