Moskau (dpa) - 13.03.2009, 11:07 Uhr
Pokale oder Pleiten? Russlands Fußball steht vor dem Saisonauftakt am Beginn einer seiner spannendsten Spielzeiten. Können UEFA-Cup-Sieger Zenit St. Petersburg sowie die 2008 bis ins EM-Halbfinale eingezogene Nationalmannschaft an die Vorjahreserfolge anknüpfen?
Gelingt es Überraschungsmeister Rubin Kasan erneut, die Vorherrschaft der Teams aus St. Petersburg und Moskau zu brechen? Vor allem aber: Können sich die vielen vom Öl- und Gasgeschäft abhängigen Klubs vor dem Hintergrund der Finanzkrise auch künftig teure Stars leisten? «Wir brauchen händeringend Geld», zitierte die Presse vor kurzem einen Ligasprecher. Medienberichten zufolge sollen Live-Spiele bald nur noch im Pay-TV zu sehen sein.
Ein Beispiel für die Probleme ist Branchenprimus Zenit: Trotz der Unterstützung durch den Staatskonzern Gazprom musste der Lieblingsclub von Kremlchef Dmitri Medwedew sein Saisonbudget um zehn Prozent kürzen. Der Bundesliga-Club FC Schalke 04, den der Energieriese ebenfalls sponsert, sei von den Sparmaßnahmen aber nicht betroffen, sagte Gazprom-Sprecher Sergej Kuprijanow. Die Streichungen bei Zenit wären noch drastischer ausgefallen, hätte der Verein nicht rund 18 Millionen Euro von Arsenal London für Stürmer Andrej Arschawin kassiert. Weitere elf Millionen Euro sollen im Sommer vom FC Bayern München kommen, wenn Mittelfeldstar Anatoli Timoschtschuk an die Isar wechselt. Der Aderlass lässt die sportlichen Ambitionen zwar sinken, spült aber dringend benötigtes Kapital in die Kasse.
«Noch vor wenigen Jahren gab es in Russland offiziell keine Profis, insofern schreitet unser Fußball sportlich in Siebenmeilenstiefeln voran», meint Trainer Waleri Gassajew, der lange bei ZSKA Moskau arbeitete. Die Krise bremst diesen Fortschritt jedoch derzeit wie eine Bleikugel. Der UEFA-Cup-Sieg von ZSKA unter Gassajews Leitung galt 2005 noch als Zufallsprodukt, doch spätestens seit dem Amtsantritt von Nationaltrainer Guus Hiddink 2006 wird der russische Fußball immer moderner. Auch Hiddinks niederländischer Landsmann Dick Advocaat hat in St. Petersburg daran Anteil. Bis zum Ausbruch der Finanzkrise gab es gar Überlegungen, Spitzenspiele der russischen Eliteklasse auch einmal im Ausland auszutragen.
Zwar pumpen Konzerne und Oligarchen deutlich weniger Millionen als früher in die Premier Liga, sie locken damit aber noch immer ausländische Stars nach Russland. So verpflichtete St. Petersburg den portugiesischen Ex-Stuttgarter Fernando Meira von Galatasaray Istanbul, und ZSKA holte in der Winterpause Brasiliens Fußball-Idol Zico als Gassajews Nachfolger. Überhaupt stehen ausländische Übungsleiter in Russland hoch im Kurs, das beweisen auch der frühere BVB-Trainer Jürgen Röber bei Moskaus Vorortclub Saturn Ramenskoje sowie der Däne Michael Laudrup bei Rekordmeister Spartak Moskau.
Die Saison, die bis November dauert, ist der sportliche Alltag. Umso mehr fiebern die Fans zwischen Kaliningrad und Kamtschatka dem 10. Oktober entgegen: Dann tritt die Hiddink-Elf in Moskau gegen die deutsche Mannschaft an. «Das ist der Saison-Höhepunkt, denn dabei fällt die Entscheidung über die Qualifikation zur WM 2010», schätzt Gassajew. Ein Erfolg wäre die beste Werbung für Russlands Ambitionen, spätestens 2022 erstmals Gastgeber einer Fußball-WM zu sein.