EM 2012 stürzt UEFA in Diplomatie-Dilemma
Bordeaux (dpa) - 25.09.2008, 18:28 Uhr
Gerhard Mayer-Vorfelder bei einer Pressekonferenz.
Historische Aberkennung, neue Durchhalteparolen oder doch ein wachsweicher Kompromiss mit Deutschland als letzter Notlösung: Die Entscheidung über Polen und die Ukraine als Gastgeber der Fußball-EM 2012 ist zu einem brisanten Politikum geworden. Die UEFA sucht verzweifelt nach einer diplomatischen Lösung - auch um ihren eigenen Ruf nicht zu ramponieren. Unter feinsten Kronleuchtern beraten die 13 Mitglieder des UEFA-Exekutivkomitee im feudalen Grand Hotel von Bordeaux über die strauchelnden EM-Ausrichter. Ausgerechnet Polens Fußball-Präsident Michal Listkiewicz präsentierte kurz vor Beginn der spannenden Sitzung mit dem Vorschlag einer Verschiebung auf 2016 einen aus seinem Munde nicht erwarteten Lösungsansatz. Doch die Lage ist komplizierter. Die Organisationsschwierigkeiten der Osteuropäer sind längst zu einem ernsthaften Problem für die mächtigsten Fußball-Funktionäre des Kontinents geworden. «Es ist völlig offen. Ich möchte da gar keine Prognose abgeben», sagte das deutsche Exekutivmitglied Gerhard Mayer-Vorfelder kurz vor Beginn der Tagung. Und FIFA-Funktionär Franz Beckenbauer, als Beobachter stets bei UEFA-Sitzungen anwesend, wollte sich ebenfalls nicht festlegen. «Man muss den Bericht abwarten», sagte er.
An Fußball-Europameisterschaften werden ab dem Jahr 2016 24 Mannschaften teilnehmen. Diese Entscheidung der UEFA- Kommission für Entwicklung verkündete Franz Beckenbauer in Bordeaux. Die Aufstockung um acht Teams muss noch vom Exekutivkomitee des Kontinentalverbandes formal bestätigt werden. «Es sprechen einige Gründe dafür. Und die EM wird durch die Erweiterung nicht an Qualität verlieren», sagte Beckenbauer. Mit der Ausdehnung des EM-Teilnehmerfeldes folgen die Fußball-Funktionäre einem Vorschlag von UEFA-Präsident Michel Platini. Der Franzose will kleineren Verbänden die Partizipation an wichtigen Wettbewerben ermöglichen. Ab dem übernächsten Kontinentalturnier werden dann mit 24 Teams fast die Hälfte aller 53 UEFA-Mitgliedsländer vertreten sein. Für die Qualifikation reicht dann schon ein dritter Platz in der jeweiligen Ausscheidungsgruppe. UEFA-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder bestätigte derweil, dass der UEFA-Cup ab der Saison 2009/2010 UEFA-Europaliga heißen soll. |
Egal wie die Entscheidung um das Turnier 2012 ausfällt, ein EM- Makel wird auf der UEFA und ihrem Präsidenten Michel Platini vorerst haften bleiben. Auch eine Gastgeber-Verlegung um vier Jahre wäre kein Königsweg - zumal für dieses Turnier ausgerechnet Platinis Heimatland Ansprüche angemeldet hat. «Frankreich hat sich für 2016 schon in Stellung gebracht. Da gibt es ein großes Interesse», bestätigte Mayer-Vorfelder. Der sich sonst für 2012 so optimistisch gebende Pole Listkiewicz hatte mit seinen Äußerungen überrascht: «Wenn die EM erst 2016 stattfinden würde, hätten wir überhaupt kein Problem», sagte er zu «ZEIT ONLINE». «Wenn es jetzt nicht gut läuft, und die UEFA einen anderen Vorschlag hat, dann wäre es in Ordnung.» Ein neuer UEFA-Vorschlag wird mit Spannung erwartet. 17 Monate nach der überraschenden EM-Vergabe an Polen und die Ukraine ist zumindest offenkundig, dass die Entscheidung von Cardiff wenn nicht unbedacht, dann doch etwas vorschnell war und zum jetzigen Diplomatie-Dilemma führte. Marode Stadien, mangelhafte Verkehrsnetze und zu geringe Hotelkapazitäten waren auch schon im Vorjahr prognostizierbar, was kein gutes Licht auf das UEFA-Gremium wirft, das seinen eigenen Entschluss nun neu bewerten muss. Mayer-Vorfelder gesteht längst ein, dass die Vergabe im April 2007 unter keinem guten Stern stand. «Es war eine einmalige Situation. Es gab den Wunsch, Osteuropa einzubinden und nur einen Konkurrenten in Italien, der selbst genug Problem hatte. Den konnte man nicht auch noch belohnen», sagte der UEFA-Vizepräsident. Italien hat die 4:8-Abstimmungsniederlage gegen den Außenseiter nur schwer verwunden, gilt aber nicht als ernsthafter Ersatzkandidat. Spanien werden im Falle einer bislang nicht dagewesenen Aberkennung weiter die größten Chancen als Ersatz-Ausrichter nachgesagt. Die «deutsch-polnische Lösung» mit Spielen in Berlin und Leipzig ist vorerst wohl kaum mehr als ein Medien-Gerücht. Zu deutlich haben die DFB-Protagonisten Mayer-Vorfelder und Generalsekretär Wolfgang Niersbach abgewiegelt. Manches spricht dafür, dass Platini und seine Kollegen Polen und der Ukraine so lange wie irgendmöglich Aufschub gewähren. 2011 - ein Jahr vor der EM - sind Präsidentschaftswahlen und Platini braucht auch Stimmen aus Osteuropa.
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