Carlos Alberto Parreira beim Training mit der Nationalmannschaft Südafrikas.
Kapstadt (dpa) - Es war eine Woche, wie sie typisch ist für die Befindlichkeit im Fußball-Land Südafrika. Das Vorwort führte Franz Beckenbauer, der bei seinem Besuch als Funktionär des Weltverbands FIFA in Kapstadt rühmte: «Es ist fantastisch, wie sich die Südafrikaner auf ihre Weltmeisterschaft vorbereiten.»
Es folgte ein 1:3-Debakel der Nationalmannschaft gegen Sambia, das die Medien als «beschämend» und «miserabel» bezeichneten. Daran schloss sich in Johannesburg ein «uninspiriertes, glückliches» 0:0 gegen Uruguay an. Für den Epilog sorgten Straßenfeste in den neun Austragungsorten der Weltmeisterschaft 2010, mit denen Zehntausende den 1000. Tag vor der Eröffnung des World Cups feierten.
Bisher konzentrierte sich die WM-Problematik auf die Frage, ob Südafrika das sportliche Weltereignis angemessen organisieren kann. Nun steht auch ein festlicher Rahmen und die Anteilnahme der Nation auf dem Spiel. Schon wird die Sorge am Kap der Guten Hoffnung laut, die liebevoll «Bofana Bofana» (Jungs) genannte Nationalmannschaft könnte die Vorrunde nicht überstehen. Ein solches Missgeschick, das noch keinem WM-Gastgeber widerfahren ist, wäre Gift für die WM und würde die Begeisterung sterben lassen. Schon nach der Pleite gegen Sambia reduzierte sich Fan-Gemeinde von 35 000 Zuschauern beim Spiel in Kapstadt auf gerade einmal 1000 bei der folgenden Partie in Johannesburg.
Viele Hoffnungen richten sich jetzt auf Carlos Alberto Parreira. Der 64 Jahre alte Brasilianer führte sein Land 1994 zum WM-Titel, war aber auch verantwortlich für Brasiliens Scheitern im Viertelfinale der WM 2006. Sein Amtsantritt am 1. Februar als 16. Nationaltrainer Südafrikas in 17 Jahren begann mit einer vielsagenden Panne. Der nationale Verband hatte vergessen, eine Arbeitserlaubnis zu beantragen. Und weil der für ein Monatssalär von 180 000 Euro eingekaufte Parreira von der Behörde im Zuwiderfall mit Haft bedroht wurde, musste der Weltenbummler mit 38 Karriere-Jahren die ersten zwölf Arbeitstage als Arbeitsloser verbringen.
Nun beklagt Parreira, mit dem Team «immer noch am Anfang zu stehen» und von einer WM-Reife «weit entfernt» zu sein. Um ein Haar hätte es durch die 1:3-Blamage gegen Sambia die Kontinental- Meisterschaft Afrikas 2008 in Ghana verpasst. Als einer der drei besten Gruppen-Zweiten schafften die Südafrikaner gerade noch die Qualifikation. «Nur der Afrika-Cup und der Confederations-Cup 2009 zählen, alles andere sind Peanuts auf dem Weg zur WM», sagt Parreira und relativiert damit den Wert von Testspielen wie das am 17. Oktober in Italien gegen den Weltmeister. Erster Kritik an seiner Arbeit begegnete er mit der Aussage: «Wenn ich auf all das hören soll, was die Leute sagen, dann müsste ich meine Sachen packen und gehen.»
Parreira beklagt den Mangel an Nachwuchsarbeit im südafrikanischen Fußball, eine U21-Liga hat er beim nationalen Verband nicht durchsetzen können. Mit Skepsis sieht er die Aufhebung einer Sperre für nichtafrikanische Spieler in der aus 16 Teams bestehenden Premier League Südafrikas, die nach Einschätzung von Arminia Bielefels Trainer Ernst Middendorp nur über «mittleres Zweitligaformat» verfügt. Middendorp war im vergangen Jahr als Coach des Spitzenclubs Kaizer Chiefs wegen Erfolglosigkeit entlassen worden. Das Geld für Einkäufe nichtafrikanischer Profis bringen frische Fünfjahres-Verträge für TV-Übertragungen über 235 Millionen Euro. Mit dem Dutzend in Europa tätigen Nationalspielern, darunter die Bundesliga-erprobten Delron Buckley, Bradley Carnell und Sibusiso Zuma sowie die Bielefelder Neuzugänge Rowen Fernandez und Siyabonja Nkosi, lässt sich auf Entfernung nur schwer zusammenarbeiten.
Immerhin, es ist wieder attraktiver, für Bofana Bofana zu spielen. So benötigte Parreira nur sechs Gesprächsminuten, um Top-Stürmer Benni McCarthy (Blackburn Rovers) nach 19-monatiger Verweigerung für das Nationalteam zurückzugewinnen. «Wir können nur Schritt für Schritt vorankommen. Wir müssen eine Philosophie für unser Spiel finden, bis 2008 muss die Auswahl der Spieler gemacht sein. 2009 und 2010 geht es um Teambildung», sagt Parreira. Und die soll, wenn es nach dem Trainer geht, mit 25 Spielern vor der WM im Trainingslager in Brasilien ihre Vollendung finden.