Michael Ballack ist reif für die Insel. Als ob er seinen Neuanfang in England auch äußerlich demonstrieren wollte, stellte sich Ballack in Los Angeles im Trainingslager seines neuen Arbeitgebers FC Chelsea mit modischer Kurzfrisur der Presse.
«Der Umzug ins Ausland und die Premier League sind eine große Veränderung für mich, aber ich habe eine neue Herausforderung gebraucht. Nach dem Highlight WM und dem Alltag bei Bayern habe ich jetzt eine neue Motivation», sagte der 29-Jährige Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. «Ich bin sehr gut aufgenommen worden, aber ich weiß, dass ich mich durchbeißen muss.» Braun gebrannt, entspannt und gut gelaunt präsentierte Ballack im feudalen Beverly Hills Hotel sein neues Trikot mit der Nummer 13, die ihn allerdings ungewollt ins Zentrum eines Machtspiels zwischen Teamkollege William Gallas und dem FC Chelsea rückte.
Ursprünglich hatte Ballack nämlich entgegen seines 13er-Wunsches die 19 erhalten sollen, da Gallas seit fünf Jahren die 13 auf dem Trikot trug. Doch weil Gallas eine vorzeitige Vertragsverlängerung ablehnte, nahm ihm Trainer José Mourinho kurzerhand die Lieblingsnummer weg. Nach Informationen der Londoner Abendzeitung «Evening Standard» ist nun das Tischtuch zwischen Gallas, dessen Vertrag im kommenden Jahr ausläuft, und Chelsea zerschnitten. Mourinho, der noch vor zwei Wochen erklärt hatte, die Vertragsverlängerung mit Gallas habe oberste Priorität, will den Abwehrspieler nicht ziehen lassen.
In den USA war für Ballack aber zunächst einmal der gemütliche Plausch mit den Reportern der angenehme Teil seiner ersten Arbeitstage. Wie jeder Neue muss sich auch der deutsche Superstar dann noch einer skurrilen Chelsea-Tradition stellen und zum Einstand ein Ständchen geben. Vor versammelter Mannschaft muss jeder Neuankömmling auf einem Stuhl stehend ein Lied singen, bis die amüsierten Kollegen wieder um Ruhe bitten. Wie der zweite prominente Einkauf Andrej Schewtschenko hat Ballack gewaltigen Bammel vor dieser Mutprobe. «Das ist eine lästige Pflicht. Ich weiß noch nicht, was ich singe, aber ich werde es sehr kurz halten», offenbarte der in Deutschland drei Mal zum Fußballer des Jahres Gewählte in Englisch und wirkte dabei ungewohnt schüchtern. Ein Dolmetscher half ihm gelegentlich aus der Klemme.
Beim englischen Meister ist eben vieles anders. Von der Arbeitsweise einzelner englischer Medien bekam er schon im Urlaub auf Sardinien einen Vorgeschmack, als er von Paparazzi gejagt wurde. Im Training ging es dagegen bisher wesentlich ruhiger zu. Seine ersten beiden Arbeitstage auf dem Gelände der Elite-Uni UCLA hatten wenig mit der Konditionsbolzerei zu tun, die er beim FC Bayern unter Felix Magath gewohnt war. Selbst Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann schaute vorbei. Taktische Anweisungen und Übungen mit dem Ball standen im Vordergrund. Der Konkurrenzkampf unter den kickenden Multi-Millionären, darunter immerhin 17 WM-Fahrer, ist groß genug.
«Ich spiele da, wo mich der Coach hinstellt. Chelsea kennt meine Stärken, deshalb haben sie mich geholt, aber das Mittelfeld ist vorzüglich besetzt. Es wird kein Selbstläufer», erklärte Ballack artig. «Es macht mir nichts aus, nicht mehr der große Chef zu sein, denn ich bin Teil eines großen Teams. Im Moment beobachte ich viel und sauge alles auf. Es ist eine coole Truppe.» Ballack, mit einem Jahresgehalt von sieben Millionen Euro einer der Topverdiener im Team, gilt erst einmal als gesetzt und soll im Mittelfeld an der Seite von Frank Lampard, Michael Essien, Claude Makelele und Joe Cole das Offensivspiel der «Blues» variantenreicher und torgefährlicher machen. «Mit Michael sind wir noch besser aufgestellt und schwerer auszurechnen. Er spielt intelligent, hat sich gut integriert, und ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit», meinte Coach Jose Mourinho.
Bis zum Saisonstart am 20. August bei Manchester City bleibt zum Feinschliff nicht mehr viel Zeit. Zunächst fliegt die Mannschaft nach Chicago, wo am 5. August ein Testspiel gegen ein All-Star-Team der US-Profiliga Major League Soccer (MLS) ansteht und Ballack vermutlich seinen Einstand geben wird. «Ich kann es kaum erwarten, mit diesen tollen Spielern spielen zu dürfen. Wir wollen alle die Champions League gewinnen», erklärte der 70-malige Nationalspieler. Wenn er erst einmal gesungen hat, wird alles einfacher.