Streit über Gnade in Italiens Skandal-Prozess
Rom (dpa) - 26.07.2006, 20:49 Uhr
Giovanni Cobolli Gigli beantwortet nach der Urteilsverkündung Fragen der Journalisten.
Inter Mailand ist zum italienischen Meister ernannt worden, für die Sünder gab es Gnade. Mit einer Art «Amnestie durch die Hintertür» hat das Berufungsgericht im italienischen Fußball- Skandal vor allem Juventus Turin & Co. vor ruinösen Strafen bewahrt. Aber auch eine totale Blockade der Liga und ein chaotischer Prozess-Marathon für den Fußballverband FIGC wurden damit vermieden. Die Richter milderten fast alle Strafen deutlich ab: Dem als einzigen wegen der Liga-Manipulationen zum Zwangsabstieg in die Serie B verurteilten Rekordmeister Juve wird durch weniger Strafpunkte der direkte Wiederaufstieg, dem AC Mailand die Teilnahme an der Champions League sowie AC Florenz und Lazio Rom der Verbleib in der ersten Liga ermöglicht. «Die Show ist gerettet - das hässliche Nachspiel des großen Prozesses», spottete die Zeitung «La Repubblica». Am Abend wurden dann Inter offiziell zum Meister 2006 erklärt worden. «Es gab keinen Grund Inter den Titel als bestplatzierte Mannschaft nicht zu verleihen», erklärte der kommissarischen FIGC- Präsident Guido Rossi und setzte damit die von einer eigens einberufenen Expertenkommission getroffene Entscheidung um. Inter Mailand gewann damit seine 14. Meisterschaft. Zuvor waren Juventus Turin vom FIGC-Sportgericht wegen der Liga-Manipulationen die Titel 2005 und 2006 aberkannt worden. Der Titel 2005 wurde nicht vergeben.
Inter-Besitzer Massimo Moratti ist Favorit auf den Posten des Liga-Chefs. Der Mailänder Ölmagnat gilt als Saubermann, weshalb ihn viele in der «Stunde Null» gerne als Nachfolger des zurückgetretenen Adriano Galliani sahen. «Ich fühle mich geehrt», sagte Moratti, weigerte sich bei der Wahl jedoch, nachdem er im ersten Wahldurchgang nur 22 Stimmen bekommen hatte. Nach dem Verband wird nun wohl auch die Liga von einem kommissarischer Präsidenten geführt werden müssen. «Farce» oder «Weises Urteil mit Augenmaß»? - Italien schwankte zwischen Erleichterung und Wut. Nach dem durch den Skandal überschatteten WM-Triumph jubeln zumindest die Tifosi der geretteten Clubs wieder: In letzter Sekunde meldete Italien seine Europacup-Teilnehmer; die Ligen können Ende August pünktlich starten. |
«Das Urteil ist lächerlich», schimpfte aber FC Palermos Präsident Maurizio Zamparini, für den Richter Piero Sandulli Gnade vor Recht ergehen ließ. Juve, Florenz und Lazio sehen dies anders, fühlen sich völlig unschuldig und kündigten sogar Berufung vor dem Gericht des Nationalen Olympischen Komitees (CONI) an, bevor sie das Verwaltungsgericht in Rom anrufen wollen. Hier werden aber allenfalls noch «Rabatte» bei den Strafpunkten für Juve (-17), Florenz (-19), Lazio (-11) und Milan (-8) erwartet, das das Urteil als einziger Club akzeptierte, nachdem sich Milan-Boss Silvio Berlusconi «einigermaßen zufrieden» zeigte. Juves Verbleib in der Serie A gilt als ausgeschlossen, da seine Ex-Manager Luciano Moggi und Antonio Giraudo zusammen mit Schiedsrichter-Koordinator Pierluigi Pairetto und Ex-Star-Schiri Massimo De Sanctis eindeutig die Köpfe der so genannten «Fußball-Mafia» waren. Ein erneutes Durcheinanderwürfeln der Ligen ist deshalb nicht zu erwarten, so sehr Juve-Präsident Cobolli Gigli dies auch hofft. Er fordert für Juve die «Serie A mit Strafpunkten und einen Titel zurück» und will «so lange prozessieren, bis Juve Gerechtigkeit widerfährt». «Wir sind die einzigen, die zahlen», klagte Gigli. Der Zwangsabstieg kostet Juve rund 350 Millionen Euro, errechneten Finanzexperten. Von den Turinern angedachte Schadenersatzklagen gegen Moggi werden dieses Loch nicht stopfen. Der gerade begonnene Umbau des «Stadio delle Alpi» in eine moderne Fußball-Arena mit Einkaufs- und Freizeitcenter scheint in Gefahr. In Turin wird man nervös, weshalb der zur Dynastie der Agnellis gehörende Fiat-Präsident Luca di Montezemolo beruhigte: «Die Familie Agnelli wird Juve nicht verkaufen.» Auch der Ausverkauf der Stars soll gestoppt werden, nachdem Fabio Cannavaro und Emerson bereits Ex-Trainer Fabio Capello zu Real Madrid gefolgt und Gianluca Zambrotta zum FC Barcelona geflüchtet sind. «Es bleiben alle», sagte Trainer Didier Deschamps. «Jetzt ist der Wiederaufstieg greifbar», schöpfte Turins Bürgermeister Sergio Chiamparini neue Hoffnung. Angesichts des von der Anklage geforderten Abstiegs in die Hölle der dritten Liga, ist ein Jahr Fegefeuer in der Serie B erträglich. «Wenigstens sind wir wieder im Paradies», freute sich Florenz Sportdirektor Pantaleo Corrino über den Rückbeförderung seines Clubs in die Serie A. Club-Präsident Diego Della Valle gab sich dagegen weniger versöhnlich und beschimpfte den kommissarischen FIGC- Präsidenten Guido Rossi als selbstherrlichen Potentaten und forderte ihn auf: «Geh nach Hause!»
 |