Berlin (dpa) - «Endstation Sehnsucht» im Berliner Olympiastadion: Nur mit einem Sieg im 66. DFB-Pokalfinale können Bayer 04 Leverkusen und Werder Bremen eine verkorkste Saison retten und den Einzug in das internationale Geschäft schaffen.
«Für uns steht absolut der Titelgewinn im Vordergrund, der bleibt ewig in Erinnerung», sagte Werder-Clubchef Klaus Allofs einen Tag vor dem Endspiel am 30. Mai. Auch für Bayer-Sportchef Rudi Völler ist das keine Frage: «Wir sind in Leverkusen mit Titeln nicht gesegnet, da steht der Pokalsieg an erster Stelle.» Die Europa League ist für beide ein positiver Nebeneffekt. «Finanziell ist die Europa League kein Ruhekissen wie die Champions League», erklärte Allofs. Gute Kasse machen beide Clubs zumindest im nationalen Pokal: 3,25 Millionen Euro waren vor dem Finale schon überwiesen, dem Gewinner winken weitere 2,5 Millionen.
Keinen Zweifel ließ Völler auch an seiner Wertschätzung für Trainer Bruno Labbadia, dem er demonstrativ den Rücken stärkte. «Wir sind überzeugt, dass er tolle Arbeit macht», erklärte Völler. Dies sei ein klares Bekenntnis zu dem durch das enttäuschende Bundesliga- Abschneiden unter Druck geratenen Chefcoach: «Absolut.» Labbadia selbst gab sich angesichts der geballten Kritik gelassen. «Wir müssen das beiseiteschieben. Das ist nebensächlich und spielt heute keine Rolle», sagte der 43-Jährige. «Wir reden jetzt nicht über Personaldiskussionen. Dies gebietet schon der Respekt vor dem Gegner und wird an anderer Stelle geschehen.»
Der fünfmalige Pokal-Gewinner aus Bremen (1961, 1991,1994, 1999 und 2004) genießt bei Labbadia auch sportlich Hochachtung. «Werder hat alles, was eine Klassemannschaft haben muss. Und ein Club, der in zwei Finals steht, hat Topqualität», sagte der Bayer-Coach, unter dessen Ägide Leverkusen nach dem Pokal-Coup 1993 erstmals wieder einen Titel gewinnen könnte. Sein Kollege Thomas Schaaf glaubt, dass sein Team die Niederlage im UEFA-Cup-Finale (1:2 gegen Donezk) verarbeitet hat. «Es war eine Enttäuschung, den Pokal nicht hochheben zu können», sagte Schaaf, «doch wir hatten eine Woche Zeit und die positive Stimmung ist zurückgekehrt.»
Außerdem kann Werder im mit 72 964 Zuschauern ausverkauften Olympiastadion noch einmal auf Ballzauberer Diego (zu Juventus Turin) und Frank Baumann (Karriere-Ende) bauen und muss nur auf Per Mertesacker und Daniel Jensen verzichten. «Ich hoffe, dass die beiden ihren Abschied krönen können», sagte Schaaf über Diego und Baumann. Kapitän Baumann sieht bei dem Duell mit der jungen Bayer-Truppe die Hanseaten in diesem Alles-oder-Nichts-Endspiel im Vorteil. «Beide Mannschaften konnten die Erwartungen in dieser Saison nicht erfüllen. Deshalb ist ein gewisser Druck da», meinte er. «Speziell wir haben jedoch gezeigt, dass wir mit solchen Situationen gut umgehen können.»
Die enormen Leistungsschwankungen der beiden Topclubs in dieser Spielzeit hat das Pokal-Finale zur sportlichen Wundertüte gemacht: Keiner weiß, was drin ist. «Bundesliga und Pokal muss man klar trennen. Jetzt sind wir im Finale, und das könnte der Wendepunkt sein», meinte Völler und erwartet einen attraktiven Schlagabtausch: «Im DFB-Pokalendspiel stehen die beiden spielstärksten Mannschaften Deutschlands. Dies klingt vielleicht komisch, weil sie Neunter und Zehnter in der Bundesliga wurden.» Für ihn habe Bayer den Titel verdient, «weil wir Titelverteidiger FC Bayern rausgeworfen haben».
Doch die Leverkusener zeigten in dieser Saison zwei Gesichter. Mit Offensivfußball aus einem Guss avancierte die Werkself am 13. Spieltag zum Tabellenführer. In der Rückrunde stürzte sie brutal ab, gewann nur ein «Heimspiel» im Düsseldorfer Exil und landete auf Platz neun. Die Bremer fuhren mit Rang zehn sogar die schlechteste Platzierung in der Ära von Schaaf ein, zeigten aber zumindest im Pokal einige Male Zauberfußball. Vor allem gegen den Hamburger SV, den sie aus UEFA- und DFB-Pokal warfen. «Wir dürfen nicht so ängstlich sein», nannte Bremens Torwart Tim Wiese eine Lehre aus dem verlorenen UEFA-Cup-Endspiel. Zumal die Pokal-Bilanz gegen Bayer 04 makellos ist: Seit 1976 gab es in vier Begegnungen vier Siege.