Sprücheklopfer Wiese schrieb Drehbuch selbst
Hamburg (dpa) - 23.04.2009, 14:15 Uhr
Bremens Torwart Tim Wiese hält einen Strafstoß im Elfmeterschießen.
Tim Wiese schrieb das Drehbuch selbst und gefiel sich in der Rolle des bösen Buben. Mit ätzenden Sprüchen («Die haben die Hose voll») gegen den Nordrivalen Hamburger SV hatte der Nationaltorhüter von Werder Bremen die Stimmung beim Pokal-Halbfinale (1:3 im Elfmeterschießen) angeheizt, wurde 120 Minuten lang gellend ausgepfiffen und triumphierte im Elfmeterschießen mit drei Paraden gegen Boateng, Jansen und Olic. «Ich wusste, dass es mein Tag werden würde. Ich gehe jetzt vom Pokalsieg aus», sagte der bei gegnerischen Fans wenig beliebte Rheinländer forsch. Beim Sprint über das Spielfeld der Nordbank-Arena in die Werder-Fankurve konnte nur Per Mertesacker mit ihm mithalten. «Jetzt gibt es kein Zurück mehr im Training für Tim, wenn er sagt, er kann nicht schnell laufen. Das wissen wir jetzt besser», scherzte Werders Sportdirektor Klaus Allofs, dem das lose Mundwerk seines Torhüters allerdings nur bedingt gefällt. «Er braucht diese Provokationen in gewisser Weise, aber er muss das richtige Maß finden.» Wiese gefällt es dagegen, wenn er wie einst Oliver Kahn angefeindet wird.
«Noch bauen wir Tim kein Denkmal. Das machen wir erst, wenn wir auch den Pokal gewonnen haben», meinte Clemens Fritz über den Schlussmann, der sich nach dem Spiel das eigens angefertigte «Pokaljäger»-Shirt über sein kanariengelbes Trikot gestreift hatte. «Ich musste heut' ja was reißen als Sprücheklopfer», gab dieser lachend zu Protokoll und legte vor dem UEFA-Cup-Halbfinale am 30. April gleich nach: «Jetzt geht denen doch noch mehr die Flöte, so wollten wir es ja auch.» Der bedingungslose Ehrgeiz und Willen des 28-Jährigen, der mit dem 1. FC Kaiserslautern bereits einmal im Finale in Berlin stand, zeigte sich im Elfmeterschießen. Er tänzelte auf der Linie, machte sein Tor damit fast zu und fixierte die Hamburger Schützen. Einen Zettel im Stutzen wie einst Jens Lehmann brauchte er nicht. «Da spielt ein bisschen Psychologie mit», erzählte Wiese, «alle drei haben geguckt und ich musste nur lachen. Das hat super geklappt, denn ich habe sie vielleicht ein wenig nervös gemacht mit diesem starren Blick.» Dieses Mal hat es hingehauen, Wiese hat dem Druck standgehalten. Ob er auch in der Nationalelf mit dieser Art weiterkommt, ist fraglich. Bundestrainer Joachim Löw hat schon einmal mehr Respekt von dem Schlussmann eingefordert.
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