Vom Provokateur zum Elfmeterkönig: Als Tim Wiese über den Hamburger Rasen in die Werder-Fankurve flitzte und sich ausgelassen feiern ließ, saßen die HSV-Profis schon wie eine Trauergesellschaft in der Kabine.
«Jetzt geht denen doch noch mehr die Flöte, so wollten wir es ja auch», sagte der aufreizend selbstbewusste Bremer Torhüter, der nach seinen Stänkereien im Vorfeld die feindselige Stimmung sogar genoss und ausgerechnet vor der Nordkurve der Hardcore-HSV-Fans sein Elfmeter-Glanzstück ablieferte. Nach drei parierten Schüssen (Boateng/Olic/Jansen) stand es 3:1 im Elfmeterschießen und Bremen zum neunten Mal im Finale des DFB-Pokals.
«Ich wusste, dass es mein Tag werden würde», sagte der polarisierende Nationalkeeper nach dem Pokaldrama, «ich musste ja was reißen als Sprücheklopfer». Werder-Sportdirektor Klaus Allofs sagte dazu: «Tim hat ein lockeres Mundwerk und braucht diese Provokationen in gewisser Weise, aber er muss das richtige Maß finden.»
Dem ausgelaugten HSV, der schon in der Bundesliga bei Borussia Dortmund antreten muss, könnte nun auf der Zielgeraden der Saison die Puste ausgehen. Stürmer Mladen Petric zog sich bei einem Zweikampf mit Naldo eine Risswunde am Schienbein zu und fällt voraussichtlich zwei bis drei Wochen aus. HSV-Präsident Bernd Hoffmann sprach in der Kabine «14 müden Kriegern» Mut für die nächsten schweren Wochen zu und gab sich dann als guter Verlierer: «Wer in Wolfsburg, Dortmund und bei uns gewinnt, steht verdient im Endspiel.» Erstmals in der Pokalgeschichte erreichte eine Mannschaft ohne Heimspiel das Finale. Die Paarung des fünfmaligen Cupgewinners gegen Bayer Leverkusen am 30. Mai in Berlin gab es auch noch nie.
Der Respekt von HSV-Coach Martin Jol vor dem Dauer-Gegner hat sich noch vergrößert: «Wenn die auswärts so spielen, werden sie zu Hause noch stärker sein.» Taktische Fehler wollte der Niederländer nach dem ersten vergebenen Saison-Matchball nicht eingestehen. Die Herausnahme von Piotr Trochowski und Jonathan Pitroipa hatte alle überrascht, doch Jol setzte mit dem 53-Tore-Sturm Olic/Petric/Guerrero auf totale Offensive. Der Bundesliga-Dritte wirkte allerdings komplett verunsichert und überließ die Spielgestaltung dem abgeklärten Nordnachbarn, der wieder einmal unter Beweis stellte, dass er die Big Points machen kann.
«Wir haben jetzt das erste der vier Spiele gewonnen. Vielleicht gibt uns das die nötige Lockerheit für die kommenden Aufgaben», sagte Allofs, «denn jetzt wollen wir auch ins UEFA-Cup-Finale nach Istanbul.» Und das mit einem vor Vitalität und Selbstbewusstsein strotzenden Diego: «Wir sehen den besten Diego, den es je gab, aber heute hat Wiese einen Superjob gemacht», lobte der umworbene Brasilianer.
Nach einem Freistoß des Regisseurs hatte Per Mertesacker (11. Minute) die Bremer frühzeitig in Führung gebracht, Olic (67.) hielt den HSV im Spiel. Der als Notbremse gewertete Bodycheck von Kapitän David Jarolim (90.+2) an Mesut Özil, die folgende Rote Karte und die Aufregung von Werder-Trainer Thomas Schaaf wurden bis weit nach Mitternacht in den Katakomben der Nordbank-Arena diskutiert. Der Tscheche wurde vom DFB-Sportgericht für zwei Pokal-Spiele gesperrt.
Schaaf dementierte vehement, einen Platzverweis gefordert zu haben: «Mich interessiert nicht Gelb oder Rot, ich hatte Angst um Özil, der in den letzten Wochen ausfiel», sagte Schaaf, der als Coach 1999 gegen Bayern München und 2004 gegen Alemannia Aachen in Berlin mit den Bremern triumphiert hatte und nun die Saison retten will. «Die Mannschaft hat in den Pokalspielen klare Ziele», betonte Schaaf, der im Gegensatz zum HSV als Bundesliga-Zehnter das nächste Heimspiel gegen Bochum auf die leichte Schulter nehmen kann.