Pauli im Rausch - Werders Kritik findet Gehör
Hamburg (dpa) - 26.01.2006, 19:08 Uhr
Die Mannschaft des FC St. Pauli jubelt mit ihren Fans über den Pokal-Sieg.
Als die Drittliga-Kicker des FC St. Pauli noch Stunden nach dem historischen Pokalsieg in der überfüllten Vereinskneipe ihre Après-Ski-Party feierten, feuerte der im Schnee-Gleiten ungeübte Champions-League-Teilnehmer Werder Bremen verbale Breitseiten auf den DFB ab. «Das war fahrlässig und verantwortungslos. Unter diesen Bedingungen hätte das Spiel nie stattfinden dürfen», polterte Trainer Thomas Schaaf nach der 1:3-Schmach seiner Elf im Pokal-Viertelfinale beim Hamburger Favoritenschreck und führte als Beweis die ausgekugelte Schulter von Nationalspieler Miroslav Klose an. Der Torjäger erlitt einen Sehnenanriss und muss nun drei bis vier Wochen pausieren. Werder-Geschäftsführer Klaus Allofs legte nach: «Wenn wir eine Spaßveranstaltung wollen, dann können wir ja Schlamm-Catchen oder Glatteissurfen machen - aber doch nicht Fußball spielen auf diesem Boden.» Die Bremer reagierten umgehend mit einem Beschwerdebrief an den DFB und fanden beim Präsidenten Gehör. Theo Zwanziger sicherte zu, dass der Vorgang mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in den DFB- Gremien thematisiert wird. «Wir müssen (...) als Veranstalter des Pokals Wert darauf legen, dass die heute im Spitzensport üblichen Platzbedingungen eingehalten werden», teilte Zwanziger in seiner Antwort auf das Schreiben des Vereins mit.
Der DFB-Präsident lobte ausdrücklich die sachlich faire Art und Weise der Bremer Beschwerde beim DFB. «Insoweit finde ich ihre sportliche Einstellung, den Sieg von St. Pauli nicht schmälern zu wollen, anerkennenswert.» Knapp 24 Stunden nach dem unerwarteten Ausscheiden hatten sich die Gemüter beim Erstligisten einigermaßen beruhigt - auch bei Allofs. «Wir legen großen Wert auf die Feststellung, dass es nicht darum ging, gegen die Wertung des Spiels zu protestieren. Wir erkennen an, dass St. Pauli unter den vorgefundenen Bedingungen das bessere Team war», sagte er. Keinen Zusammenhang zwischen Kloses Verletzung und dem rutschigen Untergrund sieht Schiedsrichter Felix Brych. «Wenn man sich die Szene genau ansieht, erkennt man, dass die Verletzung nicht durch das Ausrutschen, sondern erst durch den Zusammenprall mit dem Gegenspieler passiert ist», sagte er dem «Tagesspiegel». Das könne überall passieren. |
Das verschneite Geläuf am Hamburger Millerntor hatte Werder nicht nur die Standfestigkeit, sondern auch die Contenance geraubt. «Wie Allofs die Platzkommission unter Druck gesetzt hat, das war am Rande der Nötigung», schimpfte noch am nächsten Morgen St.-Pauli-Präsident Corny Littmann mit rauer, partygestresster Stimme. «Er hat den Schiedsrichter gefragt, ob der nicht wisse, wie viel Werders Spieler wert sind und ihm dann gedroht: 'Wenn sich ein Nationalspieler verletzt und wir deshalb die WM nicht gewinnen, sind Sie schuld'.» Bremens Ex-St.-Paulianer Ivan Klasnic befand gar: «Wenn Bayern München hier hätte spielen sollen, wäre nicht angepfiffen worden.» Trotz aller Diskussionen und Lamenti: Der FC St. Pauli ließ sich den ersten Halbfinaleinzug seiner Geschichte nicht kleinreden und hielt die ausgelassene Stimmung im Vereinsheim und später beim Stamm-Griechen bis zum frühen Morgen am Kochen. Auch auf der benachbarten Reeperbahn ging die Post ab: Die Fans zogen singend über die sündige Meile und sorgten in den Kneipen für grandiosen Umsatz. Littmann ließ zu fortgeschrittener Stunde alle Zurückhaltung fallen: «Wenn wir die Bayern erst im Endspiel kriegen, wäre es gut. Aber wir nehmen sie auch im Halbfinale.» Nach Burghausen, Bochum, Berlin und Bremen werde der nächste Rivale garantiert wieder ein B sein, meinte der Vereinschef und zählte auf: «Bielefeld, Bayern, Bankfurt.. .» St. Paulis Schatzmeister muss sich nun nach einer größeren Schatulle umsehen. Knapp über eine Million Euro hat der mit 1,6 Millionen Euro verschuldete Verein bis zum Viertelfinale eingenommen. Im Halbfinale gibt es Nachschlag: weitere 1,1 Millionen. «Wenn wir das Finale erreichen, sind wir saniert. Unglaublich, traumhaft...», jubelte Littmann. «Aber wir werden noch nicht für Berlin buchen.» Die heimliche Hoffnung: Träfe die Stadtteilelf im Finale auf die Bayern, wäre der UEFA-Cup-Einzug perfekt und die Kassen würden Sturm klingeln.
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