SV Darmstadt verschenkt «ganz, ganz viel Geld»

Walldorf (dpa) - 27.10.2016, 10:34 Uhr
SV Darmstadt verschenkt «ganz, ganz viel Geld»
FC Astoria Walldorf jubelte über den überraschenden Einzug ins Achtelfinale. Foto: Uwe Anspach

Trainer Matthias Born unterbrach grinsend das Interview und legte seinen Arm um Nico Hillenbrand: «Darf ich Ihnen den Rekordtorschützen des FC Astoria Walldorf im DFB-Pokal vorstellen?» Das Erfolgsduo der Nordbadener hatte gut lachen.

Der noch einzige verbliebene Viertligist im Wettbewerb blamierte nach seinem Erstrunden-Erfolg gegen den VfL Bochum auch den SV Darmstadt 98 und warf den Bundesligisten mit 1:0 (1:0) raus. Im Achtelfinale fordert Walldorf nun am 7./8. Februar Arminia Bielefeld. «Bielefeld spielt zweite Bundesliga und ist der klare Favorit, aber wir werden alles geben, um vielleicht noch eine Runde weiter zu kommen», kommentierte Born die Auslosung.

Überraschend war nicht nur das Ergebnis des Duells zwischen dem Tabellen-13. der Regionalliga Südwest und dem Tabellen-13. der Bundesliga, sondern die Art und Weise: Die wieselflinken Walldorfer zeigten sich spielerisch mindestens gleichwertig, hatten sogar die bessere Raumaufteilung. Was da bei den «Lilien» schiefgelaufen ist? «Dämliche Frage!», schimpfte der völlig aufgebrachte Sportdirektor Holger Fach. «Das hat doch jeder gesehen: Walldorf war von der ersten bis zur letzten Minute die bessere Mannschaft.»

Das Weiterkommen wird den Amateuren mit mehr als einer halben Million Euro versüßt. Der FC Astoria nagt allerdings nicht am Hungertuch: Der Club wird von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp unterstützt, auch wenn der Milliardär in erster Linie Mäzen des großen Nachbars 1899 Hoffenheim ist. Darmstadt 98, so etwas wie die arme Kirchenmaus im Oberhaus, hätte die Extrasumme gerne eingestrichen. «Wir haben gerade für den Verein ganz, ganz viel Geld verloren», schimpfte Fach.

Nico Hillenbrand hatte in der 32. Minute einen Klasse-Spielzug der Amateure zum 1:0 vollendet. «Wir haben uns in einen Rausch gespielt und hätten den Sack sogar früher zumachen können», sagte der Siegtorschütze. Der 29-Jährige ist die personifizierte Erklärung dafür, warum sich die Großen im Pokal oft so schwer tun gegen Clubs wie Walldorf oder Sportfreunde Lotte. «Die Jungs bei uns haben alle eine gute Ausbildung genossen. Im Endeffekt kicken die schon ihr Leben lang», sagte Astoria-Coach Born. Und dennoch: «Einige sind Studenten, andere Auszubildende, andere haben normale Jobs.» Hillenbrand wurde bei Borussia Dortmund ausgebildet, bestritt 2008 sein einziges Bundesliga-Spiel. Über den SV Sandhausen kam er nach Walldorf, lernte in Hopps Golfclub in St. Leon-Rot Bürokaufmann. «Ich hab' eine Frau und zwei Kinder, Zoe und Louis. Das war dann sicherer», erklärte er.

«In der Regionalliga wird auch auf hohem Niveau gespielt», sagte Hillenbrand. Das hatte Darmstadts erfahrener Chefcoach Norbert Meier natürlich gewusst und seine Mannschaft ausdrücklich vor den spielstarken Amateuren aus dem 15 000-Einwohner-Ort gewarnt. «Ich habe gedacht, ich bleibe davor verschont, so ein Spiel zu verlieren», sagte er und zuckte resigniert die Schulter: «Wir hätten heute zehn Stunden spielen können und hätten das Tor nicht gemacht.»

Walldorfs Kapitän Timo Kern konnte gar nicht genug bekommen von dem Glücksgefühl nach der Sensation. «Morgen muss ich wieder ins Studium, das ist echt traurig», meinte er lachend.

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