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Tränen & Tragik: Ballacks ungestillte Titelsehnsucht

Hamburg (dpa) - 17.05.2010, 15:53 Uhr

Michael Ballack nach dem verlorenen Halbfinale gegen Italien bei der WM 2006.
Michael Ballack nach dem verlorenen Halbfinale gegen Italien bei der WM 2006.

In Yokohama saß Michael Ballack frustriert am Spielfeldrand, in Moskau stand er weinend im Regen. Ob gesperrt, verletzt oder einfach nur haarscharf vorbeigeschrammt: Wenn es um internationale Titel geht, ist und bleibt Deutschlands «Capitano» ein Ritter der traurigen Gestalt.

Unermüdlich kämpft der Mittelfeldstar um einen Pokaltriumph auf kontinentaler oder globaler Fußball-Ebene, doch die Sehnsucht nach einem Titel als Krönung der Karriere bleibt auch im Jahr 2010 - und damit vielleicht für immer - ungestillt.

Mit finsterer Miene und tiefen Ringen unter den Augen stand Ballack im Münchner Marienhof vor der Praxis von DFB-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Die herbeigeeilte Journalistenschar wollte Rede und Antwort. «Wenn man zwei oder drei Wochen vor der WM eine solche Diagnose erhält, ist das natürlich bitter. So ist aber Fußball, es muss weitergehen», hieß Ballacks bitteres Fazit - der geäußerte Trotz passte nicht zur dünnen Stimme. Auf Krücken humpelte Ballack zu einem Taxi. Die Bänderverletzung im rechten Sprunggelenk hatte ihn aus allen Träumen gerissen.

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An nationalen Ehren hat es Ballack nie gemangelt. Als 21-Jähriger wurde er 1998 mit Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern unter Trainer Otto Rehhagel erstmals deutscher Meister. Es folgten drei weitere Meistertitel und drei DFB-Pokalsiege mit dem FC Bayern München. Den Wechsel zum FC Chelsea nach England begründete er 2006 mit dem unbedingten Willen, die Champions League gewinnen zu wollen.

Es reichte aber auch in England wieder nur zu nationalen Auszeichnungen in Meisterschaft und Pokal. Fast schon bittere Ironie ist, dass nun die Münchner Ex-Kollegen am 22. Mai gegen Inter Mailand um Europas-Top-Titel spielen - und Ballack trauriger Zuschauer ist.


«Glück ist eine andere Bezeichnung für Willensstärke», nennt der DFB-Leitwolf auf der Nationalmannschafts-Homepage sein Credo. Dass ihm selbst das Pech anhaftet, konterkariert das eigene Motto. Denn an Einsatz ließ es der 98-malige Nationalspieler (42 Tore) nie mangeln.

Sein mit Gelb bestraftes Not-Foul im WM-Halbfinale gegen Südkorea (1:0) kurz vor seinem Siegtreffer war Startschuss einer schmerzhaften Historie. Im Endspiel gegen Brasilien (0:2) war Ballack gesperrt. Zuvor hatte er mit Bayer Leverkusen das Vize-Triple in Meisterschaft, Pokal und Champions-League hingelegt - doch es blieben ja im Frühsommer einer hoffnungsvollen Karriere noch viele Chancen.

Das Ballack'sche Final-Trauma setzte sich allerdings fort. Bei der Heim-WM 2006 wurde der Einzug ins Sommermärchen-Endspiel gegen Italien (0:2 n.V.) in letzter Sekunde verspielt, 2008 bei der EM war Spanien (0:1) übermächtig und Ballack so gefrustet, dass er sich noch auf dem Rasen zu einem verbalen Disput mit Teammanager Oliver Bierhoff hinreißen ließ.

Noch bitterer als die finalen Nationalmannschaftspleiten war für den gebürtigen Sachsen, der als Kind Altpapier und Flaschen sammelte, um sein Taschengeld aufzubessern, die Reise nach Moskau mit dem FC Chelsea im Mai 2008. Nach sechs Jahren endlich wieder im Champions League-Finale angekommen, fehlte im Elfmeterschießen gegen Manchester United noch ein Treffer, doch John Terry schoss an den Pfosten - wieder jubelten die Gegner und Ballack weinte im strömenden Regen wie ein kleiner Junge.

Ausgerechnet in einem Finale könnte nun der Vorhang für den vielleicht kopfballstärksten Mittelfeldakteur gefallen sein. Die Verletzung nach dem Foul von Kevin-Prince Boateng wirft Fragen nach der Karrierefortsetzung auf. Die Mediziner versprechen völlige Heilung, doch der Vertrag in Chelsea läuft diesen Sommer aus. 2012 bei der EM in Polen und der Ukraine wäre Ballack 35 Jahre alt, 2014 bei der WM in Brasilien endgültig im Fußball-Rentenalter.

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