Bequem aus der Horizontalen können Fans die WM wohl nur daheim verfolgen.
Fußball-Fans ohne WM-Urlaub müssen meist nicht im Abseits stehen. Die Spiele per Radio am Arbeitsplatz zu verfolgen, wird vielerorts ebenso drin sein wie die Grillparty im Unternehmen nach Feierabend.
In vielen Firmen gebe es individuelle Lösungen, schließlich solle ein gutes Betriebsklima nicht aufs Spiel gesetzt werden, sagt der Sprecher des Bundesverbandes der Selbständigen, Michael Wehran, der dpa. Gleichzeitig macht er klar: Obwohl die Fußball-WM für Deutschland ein außergewöhnliches Ereignis sei, «vom Arbeitsrecht her ist das nichts Besonderes». Rechte und Pflichten gelten fort. Der Verband hatte frühzeitig ein Merkblatt zu Fußball-WM und Arbeitsrecht aufgelegt.
Bierselige Partystimmung ist auch während der WM in Büros und Werkstätten tabu. Wenn ein alkoholisierter Arbeitnehmer seinen Verpflichtungen nicht mehr ordnungsgemäß nachkommen kann, verstoße er gegen arbeitsvertragliche Pflichten, warnt Rechtsanwalt Michael Felser. Auch Restalkohol vom Fußball-Abend davor könne ein Problem werden. Denn das private Trinkgelage dürfe die Arbeitsfähigkeit nicht beeinträchtigen. «Wer übertreibt, muss mit der gelben Karte des Arbeitsrechts, der Abmahnung oder mit einem Platzverweis rechnen.»
Doch Felser hat auch eine gute Nachricht: Der Betriebsrat könne zur Fußball-Hochzeit auch voranstürmen. Dies habe der Selbständigen- Verband in seinen Empfehlungen ausgeblendet, kontert der Anwalt in der Zeitschrift für Betriebsratsmitglieder «Arbeitsrecht im Betrieb». Betriebsräte könnten Tauschbörsen initiieren. So bekämen Fußballbegeisterte die Chance, ihren Dienst mit weniger enthusiastischen Kollegen zu wechseln. Verwiesen wird auch darauf, dass der Betriebsrat bei einer Änderung der Arbeitszeit mitbestimmt.
Doch wer mit seinem spontanen Antrag auf einen Last-minute- Fußballurlaub gescheitert ist, sollte bedenken: «Eine Selbstbeurlaubung ist nicht drin», verdeutlicht Anwalt Felser. Aber Trost ist auch in Sicht: So könne das Radio am Arbeitsplatz in vielen Fällen für ein Fußball-Match angestellt werden. Selbst das Bundesarbeitsgericht hat festgestellt: «Der Arbeitnehmer, der seine Arbeit konzentriert, zügig und fehlerfrei verrichtet, erfüllt seine Arbeitspflicht, auch wenn er daneben Radio hört.» Beim Fernseher wird es da aber schon schwieriger, weil nicht nur das Ohr beansprucht ist.
Während bei der letzten Fußball-WM in Japan und Südkorea hierzulande eine Diskussion um millionenfach ausgefallene Arbeitsstunden wegen der Live-Übertragungen entbrannte, seien jetzt negative Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität unwahrscheinlich, stellt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fest. Da die meisten Spiele am späten Nachmittag oder Abend stattfinden, stelle sich das Problem nicht so akut. Hinzu komme, dass viele Beschäftigte Ausfallzeiten immer mehr vermeiden würden, um ihren Arbeitsplatz nicht zu gefährden, stellt das Institut fest.
Für viele Beschäftigte bedeutet die WM sowieso viel Arbeit ohne TV-Pausen. Polizisten, Busfahrer, Kellner, Reinigungskräfte und Verkäufer müssen sich auf eine Hochkonjunktur einstellen. Zudem dürfte für Ärzte und Krankenhauspersonal TV-Gucken kein Thema sein. Auch bei dem Ludwigshafener Chemieunternehmen BASF sind Fußballspiele am Fernseher oder im Internet während der Arbeitszeit tabu. Ob Radio gehört werden dürfe, hänge vom Arbeitsplatz und den dortigen Sicherheitsbestimmungen ab, sagt ein Sprecher.
Bei der Bitburger Brauerei wird nach eigenen Angaben überlegt, bei besonders spannenden Spielen Schichten zu verlegen oder zu streichen. Im Unternehmen von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, den Allgaier Werken, sollen die Mitarbeiter einen Teil der Spiele durch flexible Arbeitszeitregelungen sehen können. Die ausfallenden Stunden würden vor- oder nachgearbeitet. Er bevorzuge es, wenn seine Mitarbeiter nicht mit halbem Ohr und Auge in den Stadien seien, sagt Hundt. Bei den Behörden in der Hauptstadt sollen laut Innenverwaltung auch während der Weltmeisterschaft Autos zugelassen und Genehmigungen erteilt werden.