Psychoduell: Kahn hält und Zuschauer Lehmann redet
Dortmund (dpa) - 23.03.2006, 12:48 Uhr
Die deutschen Nationaltorhüter Oliver Kahn (r) und Jens Lehmann beim Training.
Oliver Kahn betrieb mit einer Weltklasseparade zum richtigen Zeitpunkt die womöglich entscheidende WM-Werbung für sich - Zuschauer Jens Lehmann blieb nach dem letzten Länderspiel-Akt im Torhüter-Duell nur die Chance zum verbalen Konter. Normalerweise laufen nicht eingesetzte Akteure in den Stadion-Katakomben wortlos an den Reportern vorbei, doch nach dem 4:1 gegen die USA brach Lehmann mit dieser Regel. Bevor Jürgen Klinsmann sein Urteil fällt, hob der Herausforderer zum Schlussplädoyer an. «Ich wüsste keinen einzigen Grund, warum ich nicht spiele bei der WM», lautete die Kernaussage. Kahn denkt jedoch genauso - und die vom Bundestrainer in einer beispiellosen Rotation auf den Prüfstand gestellte langjährige Nummer 1 sieht sich nun endgültig am Ziel. Auch wenn der Kapitän des FC Bayern München beim späten Gegentor eine unglückliche Figur machte, konnte dieser Patzer nicht die Glanztat beim kritischen Spielstand von 1:0 aufwiegen, als er einen Kopfball von Eddie Johnson mit einem Reflex entschärfte. «Oliver hat einen sehr wichtigen Ball gehalten - und das braucht eine Mannschaft», betonte Michael Ballack.
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Die Vorlage des Kapitäns, der sich schon vor dem Spiel für seinen Münchner Vereinskollegen stark gemacht hatte, nahm Kahn dankbar auf. «Die Kunst ist es, den entscheidenden Ball zu halten», meinte der von den Zuschauern ausgerechnet nach dem Gegentor mit «Olli-Olli»-Rufen aufgemunterte Schlussmann. Den Treffer tat er als Schönheitsfehler ab. «Das war eine Situation, die entsteht, wenn es 4:0 steht und die letzte Konzentration nicht mehr da ist», meinte Kahn, der nach einem langen Ball des Hannoveraners Steve Cherundolo mit Stürmer Johnson kollidiert war - die Kugel trudelte ins leere Tor. Kommentar Kahn: «Ich will außerhalb des Sechzehners hoch steigen und mit dem Kopf klären. Auf einmal unterläuft mich jemand, und ich habe keine Chance mehr, an den Ball zu kommen.» Nach 20 Monaten steht Klinsmann nun vor seiner spektakulärsten Personalentscheidung. Statistisch liegen Kahn (12 Einsätze, 7 Siege, 3 Remis, 2 Niederlagen, 18 Gegentore) und Lehmann (11 Einsätze, 6 Siege, 2 Remis, 3 Niederlagen, 14 Gegentore) nahezu gleichauf, auch in ihren Clubs hielten sie über die gesamte Wegstrecke letztlich konstant gut. Was Lehmann, der mit Arsenal London im Gegensatz zu Kahn noch in der Champions League dabei ist, indirekt bestritt: «Wenn man vergleicht, wüsste ich nicht, was dagegen spricht, dass ich spiele. Ich sehe meine Leistung und die Bundesliga. Sogar Franz Beckenbauer hat mir Komplimente gemacht - und das will was heißen.» |
Nach dem USA-Spiel lobte der «Kaiser» im ZDF jedoch Kahn, dem er «WM-2002-Form» bescheinigte. Ein viertes großes Turnier als Nummer 2 würde sich Lehmann aber wohl nicht mehr antun, auch wenn er eine definitive Aussage vermied: «Das Gefühl hat sich nach den letzten Wochen natürlich verstärkt, ich habe das aber nie so gesagt.» Wie blank die Nerven vor Klinsmanns noch geheimen «Tag X» liegen, beweist die Begebenheit, dass sich Lehmann vor dem USA-Spiel beim Bundestrainer «rückversicherte», dass die Torwartfrage noch nicht zu Gunsten von Kahn entschieden sei. Klinsmanns Assistent Joachim Löw dementierte das energisch: «Irgendwelche Versprechungen gab es mit Sicherheit nicht.» Die letzte Runde im Psychoduell ist eingeläutet, die Entscheidung naht, so Löw: «Wir wollen uns intern im Stab mit Torwarttrainer Andreas Köpke darüber beraten, um die letzten zwei Jahre nochmals zu analysieren und dann einen Zeitpunkt festzulegen.»
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