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Einig Fußball-Land: DFB-Stars Vorbild und Trugbild

Berlin (dpa) - 08.10.2010, 13:41 Uhr

Die vom Bundespräsidenten ausgezeichneten Nationalspieler haben ihre Wurzeln in vielen verschiedenen Kulturen.
Die vom Bundespräsidenten ausgezeichneten Nationalspieler haben ihre Wurzeln in vielen verschiedenen Kulturen.

Bundespräsident und Kanzlerin sind begeistert, der Verbandschef dozierte im Morgen-TV. Nach der erhitzten Debatte um die polarisierenden Äußerungen des Thilo Sarrazin zum Thema Integration erfreut sich Deutschland an seiner Nationalmannschaft als Symbol für ein «einig Fußball-Land».

Zum EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei in Berlin galt besonders Mesut Özil als Symbolfigur einer geglückten Einbürgerungsstrategie im Spitzensport, der es an Strahlkraft für ein friedliches Miteinander in der ganzen Gesellschaft nicht fehlen soll.

Der vom blassen, schüchternen Jungen aus Gelsenkirchen zum leuchtenden Fußball-Stern bei Real Madrid emporgestiegene Einwanderer-Enkel Özil verkörpert wie kein anderer die guten Seiten einer im Idealfall durchlässigen und offenen deutschen Gesellschaft. «Es ist die Botschaft an Kinder und Jugendliche: Wenn ihr euch anstrengt, habt ihr eine Chance in diesem Land, auch wenn ihr eine andere Hautfarbe habt, auch wenn ihr einen anderen Glauben habt als die Mehrheitsgesellschaft», sagte Theo Zwanziger am Spieltag im Frühstücksfernsehen des ZDF.

Die Botschaft klingt aus dem Munde des DFB-Präsidenten glaubwürdig. Denn wie keiner seiner Vorgänger hat sich der Jurist des Themas Integration von Migranten angenommen - nicht nur für seine Elite-Auswahl. Aber: «Es ist schwer, die Botschaft von der Spitze in die Breite herunterzubrechen», gesteht der DFB-Boss. Dessen Verband tut in den 26 000 Vereinen viel für das Miteinander der Menschen. Die Nationalspieler Serdar Tasci und Cacau gehören dem Quartett der Integrationsbotschafter an. «Wir identifizieren uns mit diesem Land», sagte der gebürtige Brasilianer Cacau.

Dass dies nicht allen Migranten(kindern) leicht fällt und die deutsche Realität in der DFB-Glitzerwelt anders aussieht als in den urbanen Ballungszentren, wurde auch beim brisanten Quali-Hit deutlich: Im Gegensatz zu Özil haben sich tausende Angehörige seiner Generation nicht «mit ganzem Herzen für Deutschland» entschieden, sondern unterstützten mit Inbrunst die Türkei, das Land der Vorfahren. Auch an den urdeutschen Stammtischen ist die Stimmung wohl anders als im DFB-Quartier.


DFB-Kapitän Philipp Lahm sagte vor dem Türkei-Spiel den wohl schlauesten Satz der Fußball-Woche: «Diese Mannschaft ist ein Sinnbild unserer Gesellschaft. Aber man darf nicht vergessen, wir sind alle auf dem gleichen sozialen Stand.» Integration ist einfacher, wenn das ökonomische Gefüge stimmt und Stigmatisierung ausbleibt. In dem Sinne sind die DFB-Stars Vorbild und Trugbild zugleich.

Özil und Co. sind dennoch ideale Repräsentanten. Elf Spieler mit Migrationshintergrund bei der WM in Südafrika, acht im Kader für die aktuelle EM-Qualifikation sind Beleg für den Multi-Kulti-Einfluss im Star-Ensemble des WM-Dritten. «Dass diese alle zusammen ein großes Ziel verfolgen und eine Einheit bilden, ist ein starkes Zeichen der Integration», sagte Zwanziger. Im Erfolg sind Gratulanten gerne präsent. Staatsoberhaupt Christian Wulff lobte den sportlichen Kulturen-Mix als «Aushängeschild für unser Land». Auch Kanzlerin Angela Merkel ließ sich den Fototermin mit den Mustermigranten Özil, Sami Khedira und Cacau im Schloss Bellevue nicht nehmen.

Die Förderung von Migrantenkindern im Sport hat Tradition; der Zugang zu den Nationaltrikots ist aber erst eine Erscheinung der Zeit nach dem Ende der Ära von Bundeskanzler Helmut Kohl. Nach dem WM-Sieg der multikulturellen französischen Auswahl 1998 war klar, dass sich Deutschland dem Reservoir an Klassekickern im eigenen Land nicht mehr durch eine restriktive Einbürgerungspolitik verschließen kann.

Der von Franz Beckenbauer gepriesene Zuwachs der Kicker aus der früheren DDR reichte nicht. Deren Anteil im DFB-Aufgebot ist von der WM 2002 (7) bis 2010 (1) stetig gesunken. Fußball ist ein Sport der Unter- und unteren Mittelschicht. Dieser gehören überproportional viele Migranten und deren Nachkommen an. «Spieler mit Eltern anderer Nationen bereichern uns. Sie bringen andere Charaktere, anderen Spielwitz und eine andere Lebensphilosophie ein», sagte Teammanager Oliver Bierhoff.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Bei der WM 2002 bildeten Gerald Asamoah und Oliver Neuville die Vorhut; 2006 repräsentierten schon fünf DFB-Akteure mit Wurzeln außerhalb Deutschlands Schwarz-Rot-Gold beim heimischen Sommermärchen. In Südafrika war mit elf Spielern fast die Hälfte des Kaders multinational geprägt. «Bei der WM 1998 haben wir immer auf die Franzosen geschaut und nicht gedacht, dass das bei uns auch möglich ist. Es ist schön, dass sich Integration nicht nur gesellschaftlich, sondern auch sportlich lohnt», sagte Bierhoff.

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