Die Spieler erschienen zu der Audienz im Trainingsanzug. Der König nahm Kapitän Iker Casillas und auch Verteidiger Carles Puyol, den Torschützen beim Halbfinal-Sieg gegen Deutschland, in den Arm. Passend zur Farbe des Trikots der «selección» trug Königin Sofía (71) bei dem Empfang ein rotes Kleid, Kronprinz Felipe dafür eine rote Krawatte. Dessen kleine Töchter Leonor (4) und Sofía (3) hatten das Trikot der Nationalmannschaft an. Beide durften den Pokal berühren, die Größere ließ sich die WM-Medaille umhängen. Ministerpräsident Zapatero wertete den Gewinn der Fußball-WM als Sieg des ganzen Landes. «Die Nationalmannschaft hat ihn gewonnen, aber der Pokal gehört allen Spaniern», sagte er beim Empfang der «selección» im Regierungssitz. «Euch haben wir zu verdanken, dass das Image Spaniens nun in der ganzen Welt glänzt», ergänzte er an die Adresse der Spieler. Trainer Vicente del Bosque dankte den Spaniern für ihre Unterstützung während der WM. «Dieser Triumph ist ein Erfolg aller, selbst des bescheidensten Fußballclubs im Land.» Andrés Iniesta, der im Finale gegen die Niederlande das Siegtor erzielt hatte, sagte: «Ich bin stolz, ein Teil dieses Teams zu sein.» Die «selección» schenkte Zapatero zum Abschluss ein Trikot mit den Autogrammen aller Spieler. Der Coup am Kap hat Spanien das Lächeln zurückgegeben. Die Siegesfahrt durch Madrid in einem offenen Doppeldeckerbus und die Mega-Sause auf einer Esplanade nahe des Stadtparks Casa de Campo drängten die schwere Wirtschaftskrise und die horrende Arbeitslosigkeit völlig in den Hintergrund. «Es ist wunderbar für Spanien, was geschehen ist. Wir haben eine großartige Mannschaft mit einem großartigen Trainer. Es ist wunderbar, sie haben es sich verdient», analysierte Placido Domingo und traf mit diesem Urteil genau den Ton. Keine Mannschaft bestimmt den internationalen Fußball mit seinem konstruktiven Teamgedanken so sehr wie die «Furia Roja». Seit dem 15. November 2006 hat die «rote Bestie» von Trainerkauz Vicente del Bosque nur zweimal verloren. Dominanz, technische Brillanz, Effizienz und dann auch noch tolle Charaktere - am achten Weltmeister der Geschichte gibt es fast nichts auszusetzen. Nur acht Tore auf dem Weg zum Titel und vier 1:0- Minimalistensiege in Serie bedeuteten einen kläglichen Negativrekord, untermauerten aber auch die Nervenstärke der Ausnahmekicker. Die Schweiz bewies allerdings beim 1:0-Sieg im ersten WM-Spiel, dass auch die Champions verwundbar sind. Eine Dominanz bis zur nächsten WM muss nicht zwingend sein. «Jetzt ist die Zeit, um zu genießen. Wir werden sehen, was in vier Jahren ist», sagte Iniesta. Dass ausgerechnet das Genie aus Barcelona das Tor zum Glück schoss, passt zum Gesamtbild des spanischen Fußball-Kunstwerks. Keiner steht symbolhafter für den Stil der Iberer. «Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich wollte immer Europameister und Weltmeister werden», sagte der Mann des Abends leise und schaute lächelnd auf seinen kongenialen Barca-Mittelfeldpartner Xavi. Der zog in den Katakomben tanzend Richtung Mannschaftsbus davon. Es sind die kleinen Momente im Augenblick des Erfolgs, die einen großen Sportsmann ausmachen. Iniestas emotionaler Tor-Jubel für seinen im Vorjahr gestorbenen Jugendfreund und Kollegen Dani Jarque gehörte dazu. «Ich wollte Dani Jarque bei mir haben. Ich wollte seiner gedenken», erklärte er später. Die Freude über das Erreichte kam langsam zurück. «Weltmeister! Das ist unglaublich, unfassbar, einfach ohne Worte», sagte der immer noch überwältigte Matchwinner. «Wir müssen den Moment genießen und stolz sein auf jeden in unserem Kader, vom Ersten bis zum Letzten.» Spanien feierte, Oranje gab sich Frust und Trauer hin. Wieder einmal hatten im entscheidenden Moment die Nerven versagt. Zum dritten Mal Vize-Weltmeister nach 1974 und 1978 - das schmerzte. «Niederlande stöhnen, wieder nichts. Zum dritten Mal steht Oranje nach einem verlorenen Finale mit leeren Händen da», konstatierte das «Algemeen Dagblad». Das Image des ewigen Zweiten blieb kein Privileg der Generation von Johan Cruyff und Co. Mit grimmigen Mienen verfolgten Arjen Robben und Kollegen in schwarzen Daunenjacken das bunte Treiben der WM-Sieger. «Wir können uns jetzt nicht hinstellen und sagen, wir sind stolz auf den zweiten Platz. Wir waren so nah dran», jammerte HSV-Profi Joris Mathijsen. In der Heimat erwartete die «Elftal» ein trotzig-stolzer Empfang mit Grachtenkorso und anschließender Jubelfeier auf der Fanmeile vor dem Reichsmuseum. Doch Robben war nicht zu trösten: «Ich bin sehr enttäuscht. Es ist total frustrierend, so kurz vor Schluss zu verlieren.» Schlimmer als die Niederlage war der Imageverlust der Holländer. «Voetbal total» wurde im Finale zu «Voetbal brutal». Da gab es nichts zu beschönigen. Die niederländische Eleganz von einst wurde schmerzhaft vermisst. «Es ist nicht unser Stil, schreckliche Fouls zu begehen. Das ist nicht unser Fußball», sagte Trainer Bert van Marwijk. Aber: «Ich hätte zu gerne auch mit nicht so schönem Fußball gewonnen.» Aller Frust fokussierte sich auf Schiedsrichter Howard Webb. «Wir saßen alle in der Kabine und haben über den Schiedsrichter diskutiert. Ein WM-Finale sollte einen Schiedsrichter von Weltniveau leiten. Das war heute nicht so», klagte Robben. Dabei konnte sich die «Elftal» nicht beklagen, dass der ehemalige Hamburger Nigel De Jong bei seiner Kung-Fu-Attacke nicht schon früh die Rote Karte sah. Van Marwijk zeigte sich dann doch als fairer Verlierer und kannte die Fußball-Herrschaftsregeln an: «Spanien ist die beste Fußball-Nation. Wir müssen auf Topniveau spielen, um eine Chance zu haben.»
 |