Frankreichs Kapitän Thierry Henry feiert das Unentschieden gegen Irland.
Das zweite «Hand-Gottes-Tor» der Fußball-Historie hat Frankreich den Weg zur Weltmeisterschaft nach Südafrika geebnet, aber heftige Empörung auf dem Kontinent ausgelöst.
23 Jahre nach dem ebenso legendären wie irregulären Maradona-Tor im Viertelfinale der WM in Mexiko sorgte in Thierry Henry erneut ein Ausnahme-Kicker für einen Skandal, als er dem 1:1-Torschützen William Gallas den Ball per Hand vorlegte und Irlands WM-Träume zerstörte. Während Griechenland gegen die Ukraine, Slowenien gegen Russland und Portugal gegen Bosnien ihre WM-Tickets durch 1:0-Siege auf sportlichem Wege lösten, rettete die Grande Nation ein irregulärer Treffer vor dem möglichen K.o.: Die knapp gescheiterten Iren wittern Betrug und stellten beim Weltverband FIFA einen Antrag auf Spiel-Wiederholung.
«Sie haben uns beraubt», fauchte Irland-Coach Giovanni Trapattoni, dessen Elf nach Robbie Keanes 1:0 dicht vor der Sensation stand. «Le Hand Gottes - Betrüger Henry macht einen Maradona», titelte Englands Boulevardblatt «The Sun». «Ein Skandal!, Trap' wurde bestohlen», schrieb der «Corriere dello Sport». Irlands Justizminister Dermot Ahern hatte schon vor dem offiziellen Protest ein Wiederholungsspiel gefordert: Der hat allerdings wegen der Tatsachenentscheidung von Referee Martin Hansson (Schweden) und nach bisheriger Rechtsprechung praktisch keine Aussicht auf Erfolg. «Der Fußball verliert seine Glaubwürdigkeit. Man kann Kindern in der Schule nichts mehr von Fairplay erzählen», betonte Trapattoni weiter.
Zwar hat Henry («Um ehrlich zu sein, es war Handspiel») sein Fehlverhalten eingestanden, ansonsten suchten die Akteure eher nach Ausreden. Das Schummeltor tue der Freude keinen Abbruch. Der weiter heftig in der Kritik stehende Coach Raymond Domenech meinte, er habe von der Bank aus kein Handspiel gesehen. «Solche Tore gehören zum Fußball», behauptete dreist Torschütze Gallas. Trapattoni tobte.
Otto Rehhagel empfand dagegen Genugtuung, es all seinen Kritikern noch einmal gezeigt zu haben. Nachdem Medien schon die Ablösung des Deutschen gefordert hatten, war nach dem von Dimitrios Salpingidis erzielten 1:0 in der Ukraine vom «historischen Triumph» und der «neuen Saga» die Rede. Prompt feierten die Blätter Rehhagel (71) wie einen jungen Gott. «Es war eine großartige Leistung und ein mentaler Gewaltakt», lobte «König Otto». Das erste WM-Ticket seiner langen Karriere holte er in seinem 100. Länderspiel auf der Hellenen-Bank.
«Egal wie groß der Niedergang war, nachdem er sich auf den Thron der EM 2004 gesetzt hat: Er ist weiter der Super-Held unseres Fußballs im 21. Jahrhundert», schrieb die Tageszeitung «Eleftherotypia». Und Matchwinner Salpingidis meinte über die zweite WM-Teilnahme der Hellenen nach 1994: «Das ist unsere Antwort auf alle diese miserablen Kommentare der letzten Tage in der Presse.»
Der Bochumer Bundesliga-Stürmer Sladko Dedic hat Slowenien zur WM geschossen - Premierminister Borut Pahor musste sein Versprechen einlösen und die Stiefel der Elitekicker putzen. «Aber nicht ganz so gründlich», sagte er lächelnd in die TV-Kameras. Auswahlcoach Matjaz Kek sprach von einem «Happy End mit Hollywood-Charakter. All unsere Träume sind in Erfüllung gegangen.» Sein Gegenüber Guus Hiddink war «fassungslos» und verpasste die Chance, auch das vierte von ihm betreute Team in Serie zur WM-Endrunde zu führen. Der Niederländer ließ weiter offen, ob er beim Russischen Verband weitermachen wird.
Portugal schwebt auf Wolke sieben, da die WM auch ohne Superstar Cristiano Ronaldo erreicht wurde. «Wir sind im Himmel», befand das «Jornal de Noticias». Der umstrittene Coach Carlos Queiroz ist damit aus der Schusslinie, und der in Brasilien geborene Torjäger Liedson glaubt sogar: «Mit diesem Team können wir Weltmeister werden.»
Die Medien würdigten das «beste Jahrzehnt» des Fußballs in Portugal. Seit 2000 schafften die «Lusos» in der Tat erstmals in ihrer Geschichte den Einzug in drei WM- und drei EM- Endrunden in Serie. «Wir haben immer daran geglaubt», sagte Torschütze Raul Meireles. Nach den beiden 1:0-Siegen gegen die von Trainer Miroslav Blazevic als «ausgehungerte Wölfe» bezeichneten Bosnier befand «Público», diese seien «zu verwirrten Lämmern degradiert worden».