Steven Gerrard läuft nach seinem Treffer zum 2:0 gegen Kroatien jubelnd über den Platz.
Bei der EM vor einem Jahr noch trauriger Zuschauer, jetzt schon wieder «eine der besten Mannschaften der Welt»: In England überschlagen sich Macher und Medien nach der geglückten WM-Qualifikation in Superlativen.
Doch auch in Spanien reifen nach einer makellosen Vorrunde die Träume vom ersten WM-Titel im Land des Europameisters. Dagegen müssen die vermeintlichen Großmächte Frankreich, Portugal und Argentinien noch zittern, wenn die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika am 10. und 14. Oktober ihr furioses Finale erlebt und die letzten Tickets erst Mitte November in den Playoffs vergeben werden.
«Die 'Three Lions' gehen auf Safari», titelte das britische Boulevardblatt «The Sun» am Tag nach dem 5:1 gegen Kroatien. «Weltklasse - Südafrika, wir kommen!», jubelte die «Daily Mail». «Es war eine dieser seltenen Nächte, wo Hoffnung und Glorie zusammenkommen - ein Zeugnis des spektakulären Wandels unter Fabio Capello», schrieb die seriöse «Times». Der gepriesene Nationaltrainer vergaß sogar kurz seine sonst übliche Contenance und tönte: «Wir sind eine der besten Mannschaften der Welt, wir können es mit jedem aufnehmen. Wenn wir mit dem gleichen Geist wie heute spielen, sind wir echte Anwärter. Die Erwartungen sind immer hoch, aber wir spielen um den Titel, weil wir England sind.»
Frank Lampard (8.-Foulelfmeter/59.), Steven Gerrard (18./66.) und Wayne Rooney (77.) ließen mit ihren Treffern die sonst so kritischen britischen Blätter Lobeshymnen anstimmen, während die Zeitungen in Kroatien Trauermärsche auflegten. «Schande und Erniedrigung für Kroatien», titelte «24sata». «Wir wurden wie ein Zigarettenstummel niedergepresst, es war die schlimmste Ohrfeige, seit bei uns Fußball gespielt wird», hieß es in der Tageszeitung «Jutarnji list».
Überraschend milde Töne waren dagegen aus der kriselnden «Grande Nation» zu hören. Obwohl sich der Weltmeister von 1998 nach dem 1:1 in Serbien auf gefährliche Relegationsspiele einstellen muss, setzten Spieler, Trainer und Medien die rosarote Brille auf. «Das Unentschieden war heldenhaft», schrieb «Le Monde». Das Magazin «France Football» feierte die «tapferen und heldenhaften» Spieler.
Nach den Berichten über den «Aufstand» der Mannschaft gegen Raymond Domenech schien die Fußball-Welt in Frankreich wieder in Ordnung - obwohl sich nicht nur Torschütze Thierry Henry, der in Belgrad in der 77. Minute vom unauffällig gebliebenen Bayern-Profi Ribéry ersetzt wurde, auf die Relegation einstellt. «Wenn über Serbien nicht eine Katastrophe hereinbricht, werden wir Gruppen- Zweiter. Wir alle werden beten. Aber wir fahren zur WM, egal wie», sagte er - und nimmt sich Deutschland als Vorbild. «Wir haben alle gesehen, wie Deutschland vor der WM 2002 durch die Relegation musste und dann ins Finale kam».
Bis (mindestens) ins Endspiel soll es im kommenden Sommer auch für die Spanier gehen. «Erstmals in der Geschichte unseres Fußballs können die Menschen sich berechtigte Hoffnungen auf einen WM-Sieg machen», schrieb die Zeitung «El Mundo» nach dem 3:0 gegen Estland. «Marca» meinte sogar: «Und nun gewinnen wir die WM!» Nach den Toren von Cesc Fábregas (32.), Santi Cazorla (82.) und Juan Manuel Mata (90.) befand Spaniens größte Sportzeitung, «dass die Spieler nicht einmal ihre Frisuren durcheinanderbrachten».
Ebenso treffend wie poetisch beschrieb ein argentinischer Fan das Dilemma beim zweimaligen Weltmeister. «Das Chaos, das schon immer in Maradonas Kopf war, haben wir jetzt auf dem Platz», meinte ein Anhänger nach der 0:1-Pleite in Paraguay. Der Gegner löste dank des Treffers von Dortmunds Angreifer Nelson Valdez das WM-Ticket, Argentinien mit Trainer Diego Maradona dagegen muss zittern. «He, Maradona! Wir sind schon dabei - und du?», titelte die paraguayische Zeitung «Última Hora» hämisch. Doch Argentiniens Fußball-Idol gibt nicht auf. «Wir kämpfen bis zum letzten Blutstropfen um diese Qualifikation», sagte Maradona, der einen Rücktritt ausschloss. An einer Relegation sei auch «noch keiner gestorben», so der 48-Jährige.