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Deutschland im Fußball-Rausch

Berlin (dpa) - 29.06.2008, 21:13 Uhr

Drei deutsche Anhänger und ein spanischer Fan freuen sich in Wien aufs Endspiel.
Drei deutsche Anhänger und ein spanischer Fan freuen sich in Wien aufs Endspiel.

Ein zweites schwarz-rot-goldenes «Sommermärchen» - und ganz Deutschland wieder im Fußball-Rausch: Nach der Devise «Noch größer, noch bunter, noch lauter» feierten die deutschen Fans vor und während des EM-Finales ein Fußball-Volksfest der absoluten Superlative.

Wie bei der Fußball-WM vor zwei Jahren im eigenen Land kannte die Begeisterung kaum Grenzen - vielfach war die Feierlaune noch größer. Schließlich stand Deutschland - anders als bei der WM 2006 - im Endspiel.

Während des Finales Deutschland-Spanien in Wien platzten die Public-Viewing-Zonen in der Bundesrepublik mit ihren Millionen Fans aus allen Nähten - einige hatten schon Stunden vorher geschlossen werden müssen. Vor den TV-Geräten zu Hause sowie in den Kneipen und Vereinsheimen fieberten schätzungsweise 30 Millionen Menschen mit der deutschen Mannschaft.

Die Fußball-Volksfeststimmung war am Sonntag bei sommerlichen Temperaturen bereits Stunden vor dem Spiel und damit unerwartet früh ausgebrochen. Wegen des enormen Ansturms der Berliner schlossen die Sicherheitsbehörden die bundesweit größte Fanmeile in der Hauptstadt - über drei Stunden vor Anpfiff um 20.45 Uhr. Mehr als 500 000 Menschen stimmten sich dort vor vier Riesenleinwänden singend und tanzend auf das Finale ein - und waren während des Spiel zunächst kaum noch zu halten.

«Alles dicht» hieß es auch in Hamburg und Hannover sowie im Ruhrgebiet. Hamburg schloss die Eingänge. Mit 42 000 Menschen war das Gelände auf dem Heiligengeistfeld «rappelvoll». In Stuttgart - dort feierten ebenfalls über 40 000 Fans - warnten Meteorologen vor unwetterartigen Gewittern in den Abendstunden.


Mit dem Anpfiff kannte die Fan-Euphorie dann kaum noch Grenzen. Jeder deutsche Angriff wurde von Begeisterungsstürmen begleitet. Der meistgenannte Tipp war ein 2:1 für Deutschland. Fan-Spruch des Tages: «Wir gewinnen - mit oder ohne Ballack.» Als Ballack dann auflaufen konnte, war dennoch Erleichterung spürbar. DFB-Präsident Theo Zwanziger lobte den Fan-Enthusiasmus in Deutschland. Man sehe - wie bei der WM im eigenen Land - die unglaubliche Begeisterung für den Fußball «und was Fußball für die Gesellschaft leisten kann».

Für Tausende deutsche Touristen hatten die Feierlichkeiten bereits tagsüber bei bis zu 32 Grad an der Playa de Palma auf Mallorca begonnen. Am Abend zogen sie in die Bars und Kneipen mit Großbildleinwänden. Auch in Wien hatten sich Tausende Fans aus Deutschland und Spanien bereits am Sonntagmorgen in der Innenstadt versammelt. Zum Spielbeginn waren schätzungsweise 40 000 deutsche Fans und etwa 15 000 aus Spanien in der Stadt.

Die Sicherheitskräfte sahen den EM-Partys im allgemeinen mit Ruhe und Zuversicht entgegen. Dennoch wurden in einigen Städten mehr Polizisten zur Sicherheitskontrolle eingesetzt als bei den EM-Spielen der deutschen Mannschaft in den vergangenen Wochen. Die Polizei in Sachsen lenkte ihr Augenmerk verstärkt auf Rechtsextremisten. Beim EM-Halbfinale Deutschland gegen die Türkei waren einige deutsche Extremisten auf Türken losgegangen.

Die Kurve der kollektiven Erregung in der Bundesrepublik stieg am Sonntag von Stunde zu Stunde. Sommerliche Wärme, Aufregung und dichtes Gedränge: In Berlin hatte das Rote Kreuz eine Menge zu tun, um Menschen mit Kreislaufschwächen zu helfen. «Fans kippen um wie die Fliegen», sagte ein Sprecher. Einige landeten im Krankenhaus.

Doppelt erleichtert waren am Sonntag mehr als 7500 Menschen in Osterholz-Scharmbeck in Niedersachsen: Zum einen, weil in ihrem Ort eine Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft wurde. Zum anderen, weil durch die erfolgreiche Aktion dem EM-Fernsehabend in der eigenen Wohnung nichts mehr im Wege stand. Am Morgen hatten sie ihre Wohnungen für die Entschärfung verlassen müssen. Gut zwei Stunden später hatte der Sprengmeister die amerikanische Fliegerbombe unschädlich gemacht. «Es lief alles reibungslos, der Fußballabend ist gerettet», sagte eine Polizeisprecherin.

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin stellten sich die Fans auf der größten Jubel-Meile bereits auf die nächste Party ein. An diesem Montag will die Nationalmannschaft mit den Berliner Fans feiern - möglichst mit dem EM-Pokal in der Hand, nachdem es vor zwei Jahren bei der Heim-WM «nur» zum dritten Platz gereicht hatte.

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