Deutschland mit «Siegermentalität» ins EM-Finale
Tenero (dpa) - 26.06.2008, 13:43 Uhr
Philipp Lahm erzielt in der 90. Minute das Tor zum 3:2 im EM-Halbfinale gegen die Türkei.
Auf zum Gipfelkreuz! Nach dem «Wahnsinns- Fight» gegen die türkischen Stehaufmännchen ist Bergführer Joachim Löw auch vom letzten Schritt bei der deutschen Titel-Expedition überzeugt. «Wir können viel gewinnen - und das streben wir an. Wir haben jetzt diese Siegermentalität, um dieses Finale zu gewinnen», sagte der Bundestrainer nach den emotionsgeladenen 90 Minuten von Basel, die eine rasante Achterbahnfahrt der Gefühle waren: Freude, Verzweiflung und ein Jubelrausch nach dem märchenhaften Last-Minute-Tor von Philipp Lahm. Der Höhepunkt der schwarz-rot-goldenen Fußball-Party soll am Sonntag in Wien folgen, mit dem finalen Glücksmoment des vierten EM-Triumphes nach 1972, 1980 und 1996. «Jetzt ist klar, was das Ziel ist - wir wollen den Titel nach Deutschland holen», sagte Matchwinner Lahm, der mit seinem erlösenden Tor nach dem besten deutschen Spielzug das verrückte Spiel entschied und den sagenhaften Comeback-Türken den K.o. versetzte. «Es war mit Sicherheit mein wichtigstes Tor», sagte der kleine Mann, der in der deutschen Jubeltraube aus Spielern, Trainern und Betreuern fast erdrückt worden wäre. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte auf der Ehrentribüne des St.-Jakob-Parks die «Luft angehalten» und war mitgenommen von der emotionalen Berg-und-Tal-Fahrt: «Ende gut, alles gut - mehr kann man heute nicht sagen.»
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Bangemachen gilt nicht mehr, dem Ausgang des zweiten Halbfinals zwischen Russlands Turbo-Kickern und Spaniens Ballkünstlern blickten die deutschen Kicker ganz entspannt entgegen: «Es ist egal, was kommt. Wir wollen das Finale gewinnen», bemerkte Lukas Podolski. «Die Spieler wissen, worum es geht, für sich selbst und für die Leute in Deutschland», kommentierte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Nach einem Empfang mit Feuerwerk im Teamquartier in Ascona leerten die erschöpften Kicker in der lauen Sommernacht am Lago Maggiore noch ein paar Gläschen, ehe am Donnerstag allein Erholung ansteht. Nur die Reservisten schickte Löw auf den Trainingsplatz. «Jetzt ist kein Druck mehr vorhanden. Wir gehen das Finale mit unglaublich viel Freude und Spaß an», sagte er. Löw, Ballack & Co. stehen in Wien vor der Krönung, an der auch ein besonderer Ehrengast teilhaben soll: «Ich würde mich riesig freuen, wenn Jürgen Klinsmann zum Finale kommt. Es ist irgendwie auch sein Finale», sagte DFB-Präsident. |
Es war weiß Gott nicht europameisterlich, wie die deutsche Elf in ihrem fünften Turnierspiel agierte. «Aber wer solche Spiele gewinnt, ist zu ganz Großem fähig», betonte Abwehrspieler Per Mertesacker beinahe beschwörend. Es wird auch den Finalgegner beeindruckt haben, dass eine deutsche Mannschaft selbst die großartige Moral der immer zurückschlagenden Türken noch toppen konnte: «Wir waren vielleicht die besseren Türken, die selber nicht damit gerechnet haben, dass wir diesmal zurückkommen», philosophierte Torhüter Jens Lehmann. Semih Sentürk hatte Deutschland in der 86. Minute geschockt, als ihm nach dem vermeintlichen Siegtor von Miroslav Klose (79.) das 2:2 glückte. «Aber dass die Mannschaft noch einmal zurückgekommen ist, spricht für die Moral, den Willen, die Mentalität», lobte Löw: «Es war ein Wahnsinns-Fight mit einer unglaublichen Dramatik.» Es war viel Kampf und noch mehr Krampf von Anfang an. Eine konfuse Abwehr, ein nicht wie gegen Portugal aufgehendes 4-2-3-1-System, bei dem Löw zwar die Mängel erkannte, aber Angst vor der eigenen Courage zeigte: «Ein zweiter Stürmer hätte uns gut getan, um vorne eine zweite Anspielstation zu haben», räumte der Coach ein. Er fürchtete aber um die defensive Stabilität, die ohnehin nicht existierte und es gar erforderlich machte, das große Risiko einzugehen mit Torsten Frings, dessen Rippenanbruch viel schlimmer ist, als erzählt worden war. «Eigentlich war ausgemacht, dass ich nur im absoluten Notfall reinkomme, weil ich voll Probleme hatte», berichtete der 31-jährige Bremer: «Der Notfall war dann da - und es ging Gottseidank ganz gut.» Die Suche nach den Gründen für einen weiteren weitgehenden System-Ausfall im deutschen Spiel begann bei den Türken, die mit dem letzten Aufgebot über sich hinauswuchsen. «Kompliment», lobte Löw. Seine Spieler verspürten dagegen den Nachteil der langen Pause von sechs Tagen zwischen der 3:2-Gala gegen Portugal und der 3:2-Zitterpartie am Mittwoch. «Was in diesem Turnier auffällt, ist, dass jeder Tag Pause hinderlich ist», meinte Abwehrchef Christoph Metzelder. Löw konnte neben der Willenskraft, unter keinen Umständen einen Halbfinal-Alptraum wie 2006 zu erleben, allein die «Effizienz» seines Teams loben: «Wir hatten nicht so viele Angriffe und Torchancen wie gegen die Portugiesen, aber wir haben drei Tore erzielt. Das war das Entscheidende.» Schweinsteiger, Klose, Lahm - drei Mal schlug die DFB-Elf eiskalt zu. Bergführer Löw, der im 27. Länderspiel den 20. Sieg erzielte und damit bereits gleichzog mit Vorgänger Klinsmann (20 Siege in 34 Partien), steht nun auch vor der persönlichen Krönung. Nur Jupp Derwall ist es bisher als Bundestrainer gelungen, gleich beim ersten großen Turnier den Titel zu holen - bei der EM 1980. «Eine Leistungssteigerung muss sicher her», betonte Ballack, der sechs Jahre nach seiner Gelb-Sperre im verlorenen WM-Finale 2002 gegen Brasilien (0:2) endlich «sein» Endspiel bekommt. Die DFB-Elf sieht sich in einer psychologisch guten Position, wie Mertesacker bemerkte: «Wenn man denkt, dass wir zu nichts imstande sind, genau dann sind wir stark.» Ein letztes Mal werden in Wien die Steigeisen angelegt: «Wir sind auf dem Gipfel. Ob wir ganz oben ankommen, wird sich Sonntag zeigen», bemerkte Torschütze Klose.
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