DFB-Team hat ausgekuschelt: Fokus auf Türkei
Tenero (dpa) - 22.06.2008, 19:22 Uhr
Gomez, Schweinsteiger und Kuranyi beim Ausgleichsprogramm.
Bootstour, Helikopterflug, Liebesnacht - nach wohltuender Erholung im Kreise der Familien und zwei Tagen Ballentzug hat Joachim Löw den Countdown für den heißen Fußball-Abend gegen die Stehaufmännchen aus der Türkei gestartet. Erst am Sonntagabend standen die deutschen Gipfelstürmer in Tenero wieder auf dem Trainingsplatz, nach einem letzten «Durchschnaufen» zählt nun nur noch ein Sieg am Mittwoch (20.45 Uhr) in Basel. «Wir stehen einen Schritt vor unserem großen Ziel, dem Finale. Die Spieler wollen diesen Schritt gehen, das spüre ich», berichtete Team-Manager Oliver Bierhoff. «Wir müssen die Belastung hochfahren», betonte Löw, der die «Bergtour 2008» unbedingt bis zum 29. Juni in Wien fortsetzen möchte: «Wir wollen noch lange nicht nach Hause.» So dankbar die Akteure für die Ablenkung nach dem Portugal-Coup mit Ausflügen, Alternativ-Sportarten oder Barbecue im Hotel waren, das Türkei-Match bekam trotzdem keiner aus dem Kopf. «Es ist schön, wenn die Freundinnen mal ins Hotel kommen können und man früher ins Bett gehen kann», betonte Philipp Lahm schmunzelnd auf dem DFB- Podium. Aber der Fokus blieb auch am Wochenende auf das EM-Ziel gerichtet, wie er hervorhob: «Jetzt gilt die volle Konzentration der Türkei. Wir wollen ins Finale. Dafür tut jeder Spieler alles.»
Der erkältete Per Mertesacker, der am Wochenende seinen Vertrag bei Werder Bremen bis 2012 verlängerte, ließ sich im Hotel pflegen. Vereinskollege Torsten Frings drängt trotz gebrochener Rippe darauf, nach dem verpassten WM-Halbfinale 2006 gegen die Türken spielen zu können. Am Sonntag trainierte er, und mit Hilfe eines Protektors, der auf den Rippenbogen geklebt wird, soll der Knochen geschützt werden. «Er ist heiß», berichtete Bierhoff. Aber in einem Halbfinale würden die Trainer «nur hundert Prozent fitte Spieler» einsetzen, fügte er hinzu. Frings könnte im Mittelfeld auf der neuen «Doppel-Sechs» für Thomas Hitzlsperger oder Simon Rolfes ins Team zurückkehren. Zwölf Jahre nach dem letzten Titelgewinn einer deutschen Nationalmannschaft wittern Michael Ballack & Co. bei der EURO 2008 eine historische Chance. «Es ist an der Zeit, mal wieder Geschichte zu schreiben», verkündete Bundestorwarttrainer Andreas Köpke, der beim EM-Triumph 1996 in England noch selbst im Tor gestanden hat. Zur Historie passt, dass sich die Wege von Deutschen und Türken erst einmal bei einem großen Turnier kreuzten - und das ebenfalls in der Schweiz: 1954 besiegten die ersten deutschen Weltmeister um Fritz Walter auf dem Weg zum «Wunder von Bern» die Auswahl der Türkei in Bern (4:1) und Zürich (7:2) sogar gleich zweimal deutlich. |
54 Jahre später stehen die Finalchancen der deutschen Elf rein statistisch bei 80 Prozent: Vier der bisherigen fünf EM-Halbfinal- Spiele wurden gewonnen. Weder diese positive Bilanz noch die Tatsache, dass bei den Türken in den Feldspielern Tuncay, Arda und Emre Asik sowie Stammtorwart Volkan gleich vier Spieler gesperrt sind, sollen das Löw-Team aber in Sicherheit wiegen. «Das spielt alles keine Rolle», versicherte Lahm: «Wir stehen im Halbfinale einer EM: Da wird kein Gegner unterschätzt.» Bierhoff wehrte Fragen nach den im Hintergrund laufenden Vorkehrungen für eine mögliche große EM-Titelsause in Berlin vehement ab. «Es ist verkehrt, jetzt schon daran zu denken, was passiert, wenn... Das ist gefährlich.» Er will jeden «bremsen, der uns schon in Wien sieht». Türkei, Türkei, Türkei - nur das sei das Thema, betonte Bierhoff: «Das Spiel ist ein Staatsereignis in der Türkei.» Um die Emotionen in die richtigen Bahnen zu lenken, startete der DFB pünktlich zum Spiel einen Integrations-Spot mit den Eltern von Auswahlspielern mit ausländischen Wurzeln. «Wir wollen, dass es im Stadion und beim Public Viewing friedlich zugeht», sagte Bierhoff. Die türkische Auswahl um Bayern-Profi Hamit Altintop hat mit ihren unglaublichen Comebacks gegen die Schweiz (2:1), Tschechien (3:2) und dem Elfmeter-Drama gegen die Kroaten höchsten Respekt erlangt. «Die Türken haben diese Qualität in der Nachspielzeit, die man eigentlich den Deutschen zuschreibt. Sie sind erst besiegt, wenn sie in den Bus steigen», sagte Hitzlsperger. Der Glaube an die eigene Stärke ist nach dem 3:2 gegen Portugal groß, trotzdem kam von Jens Lehmann ein Warnruf: «Man darf keine Augenwischerei betreiben. So toll war der Sieg nicht. Wir haben eklatante Fehler im Aufbauspiel gemacht.» «Jogi ist sich jetzt schon im Klaren, wie er das Türkei-Spiel angehen will», berichtete der Löw-Vertraute Köpke. Vieles spricht dafür, dass das über Nacht geborene 4-2-3-1-System beibehalten wird. «Man hat gesehen, dass wir uns wohlgefühlt haben», meinte Miroslav Klose. Der Befreiungsschlag kam zur rechten Zeit. Er hat interne Spannungen abgebaut, wie nicht verhehlt wird. «Wir sind froh, dass wir endlich einmal Fußball gespielt haben mit der Truppe», bemerkte Klose. Es musste gehandelt werden, taktisch vom Trainer und mit offenen Worten im Spielerkreis. «Wenn es um die Leistung im Fußball geht, gibt es kein Pardon», erklärte Wortführer Ballack.
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