Zehn Jahre nach dem Überfall auf David Nivel
Stuttgart (dpa) - 21.06.2008, 09:24 Uhr
Der französische Gendarm David Nivel 1999 in Kaiserslautern.
Das Opfer erinnert sich an nichts - Deutschen und Franzosen ist das Ereignis dagegen mit Schrecken im Gedächtnis geblieben. Auf brutalste Weise verprügelten deutsche Hooligans vor zehn Jahren während der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich den französischen Gendarm Daniel Nivel. Nach dem Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Jugoslawien am 21. Juni 1998 in Lens greift die Meute den Polizisten an. Die Hooligans stoßen ihn zu Boden, treten ihm gegen den Kopf und schlagen ihn mit seinem eigenen Gewehraufsatz. «Es war ein schreckliches Unglück und ein Verbrechen, das der Familie Nivel großes Leid zugefügt hat», sagt Theo Zwanziger, heute Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), im Rückblick. Nivel ringt mit dem Tod, sechs Wochen liegt er im Koma. Das Schädel-Hirn-Trauma nimmt ihm sein Gedächtnis, verursacht schwere Störungen in Armen und Beinen, in seiner Sprache und Konzentration. Seinen Beruf kann der Familienvater nicht mehr ausüben, ab und zu besucht er jedoch auch heute noch seine ehemaligen Kollegen.
Die Prügelorgie entlarvt den harten Kern der Hooligan-Szene und führt vor Augen, dass Fußball - anders als bei der weitgehend friedlichen WM 2006 und der laufenden Europameisterschaft - nicht immer ein Fest von Freunden ist. «Dieser Vorfall hat in allen Bereichen zu Veränderungen und Nachdenken geführt. In der Fanszene hat im Anschluss ein Bereinigungsprozess stattgefunden», sagt der DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn. «Zu der Zeit war der Hooliganismus ausgeprägt, doch er nimmt zunehmend ab.» Es sei jedoch nicht ganz auszuschließen, dass Situationen erneut derart eskalieren. Auf die unglaubliche Brutalität folgt eine breite Welle der Sympathie. Deutsche schämen sich ihrer Landsleute, spenden für Nivel und organisieren Benefizspiele. Der damalige DFB-Chef Egidius Braun erwägt sogar, das deutsche Team aus dem Turnier zurückzuziehen. |