Kritik an Zwanzigers Krisenmanagement
Leipzig (dpa) - 14.02.2007, 15:22 Uhr
Ehrhart Körting möchte Teil der Transfereinnahmen in Sicherheitsmaßnahmen investieren.
Die Absetzung von mehr als 60 Fußballspielen in Sachsen hat bundesweit mehr Kritik als Verständnis ausgelöst. Vor allem die vom Deutschen Fußball-Bund und seinem Präsidenten Theo Zwanziger vorgegebene Linie wird von vielen Landesverbänden bemängelt. Zwanziger hatte die Empfehlung ausgesprochen, in Sachsen einen kompletten Spieltag von der Kreisklasse bis zur Landesliga abzusagen. «Ich finde das Vorgehen von DFB-Präsident Zwanziger unglücklich. Wenn er öffentlich den Rat erteilt, die Spiele abzusagen, dann tun sie sich als Landesverband schwer, anders zu handeln», sagte Frank Thumm, Leiter der Rechtsabteilung des Württembergischen Fußball-Verbandes (WFV). «Es wäre sinnvoller, wenn man genau schauen würde, welche Begegnungen High-Risk-Spiele sind und dort angemessen handelt», betonte Thumm. Bayerns Innenminister Günther Beckstein plädiert für Spielverbote gegen auffällige Vereine. «Bei wiederholten Ausschreitungen darf es von Seiten der Sportverantwortlichen auch kein Tabu sein, über weitere Maßnahmen, wie die örtliche Verlegung von Spielen bis hin zur Herausnahme der betroffenen Sportvereine aus dem Spielbetrieb nachzudenken», sagte der CSU-Politiker der «Netzeitung».
Berlins Innensenator Ehrhart Körting fordert von den Vereinen, einen Teil der Transfereinnahmen für die Sicherheitsmaßnahmen auszugeben. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz will so «einen gerechten Ausgleich» zwischen Staats- und Vereinskassen, sagte er der «Netzeitung». Er wolle nicht dulden, «dass der Staat die Baumaßnahmen und die polizeilichen Sicherheitsvorkehrungen bezahlt und die Eintrittsgelder, die Werbeeinnahmen und die TV-Vermarktung ausschließlich in Spieler und Trainer investiert werden», sagte der SPD-Politiker. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) im Landesbezirk Sachsen war nach der Entscheidung erleichtert. «Es ist ein deutliches Zeichen an die Chaoten, dass der Fußballverband keine Gewalt toleriert und ein Signal der Solidarität an die in Leipzig eingesetzten Kolleginnen und Kollegen», sagte der Landesvorsitzende Matthias Kubitz. Er stellte aber auch fest: «Diese Maßnahme löst jedoch das Problem in keiner Weise.» |
Der Bundestagsabgeordnete und ehemalige FIFA-Schiedsrichter Bernd Heynemann sieht die Clubs in der Pflicht. «Die Vereine müssen versuchen, über eine gezielte Fan-Arbeit Einfluss zu nehmen. Dies gilt hinunter bis zur Kreisliga», sagte er in einem Interview mit dem «Mannheimer Morgen». Auch für die zu betreuenden radikalen Fan-Gruppen müsse eine Basis geschaffen werden, «die den Fußball in den Mittelpunkt rückt und nicht irgendwelche Feindbilder», sagte Heynemann und betonte: «Es ist schon seit vielen Jahren bekannt, dass Leipzig die schärfsten Fans hat.» Die Fußball-Landesverbände sehen die Spielabsagen eher kritisch. «Ein Mal kann man das machen», sagte der rheinländische Präsident Walter Desch, über vier Wochen könne man eine solche Maßnahme aber nicht durchziehen. Dies wäre im Sinne der Randalierer. Für den Präsidenten des Hessischen Fußball-Verbandes, Rolf Hocke, sind Absagen ebenfalls kein Lösungsweg. «Die Entscheidung mag vor Ort so in Ordnung sein. Persönlich bin ich aber der Meinung, dass man sich damit in Gefahr begibt, dass sich einige 100 Randalierer die Hände reiben, weil sie den Spielbetrieb lahm gelegt haben. Das darf nicht passieren. Man muss absolute Härte zeigen», betonte Hocke. Zustimmung fand die Streichung der Spiele beim Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV). «Diese Maßnahme findet unsere volle Unterstützung. Wir hätten genauso gehandelt», erklärte NFV-Präsident Karl Rothmund und begrüßte zudem die Bereitschaft der Spieler des 1. FC Lok Leipzig, den Platz zu verlassen, falls die Randalierer noch einmal in ein Stadion kommen sollten. «Der Selbstreinigungsprozess muss in Gang gesetzt werden», erklärte Rothmund. Zwiespältig beurteilte der Präsident des Berliner Fußball-Verbandes, Bernd Schultz, die weit reichende Spielabsage. «Das ist einerseits aus symbolischen Gründen durchaus vertretbar, andererseits löst es das Problem überhaupt nicht. Es trifft die Fußballer, die damit nichts zu tun haben», sagte Schultz. Nach den schweren Fußball-Krawallen in Leipzig mit 39 verletzten Polizisten ermittelt die Staatsanwaltschaft derzeit gegen drei mutmaßliche Randalierer wegen schweren Landfriedensbruchs. Sie sollen Steine geworfen haben, aber nicht zu den Rädelsführern gehören, sagte Staatsanwalt Ricardo Schulz. Die drei Männer waren bei den schweren Ausschreitungen nach dem Pokalspiel zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und dem FC Erzgebirge Aue II festgenommen und später wieder freigelassen worden. Die Verdächtigen seien bisher nicht einschlägig aufgefallen. Schulz verwies darauf, dass es seit dem Confederations Cup und der Fußball-Weltmeisterschaft in Leipzig bereits einen Sport-Staatsanwalt gibt. Unterdessen sichtet die Polizei Video- und Filmmaterial auf der Suche nach weiteren Tatverdächtigen. Das werde allerdings noch einige Zeit dauern, sagte eine Sprecherin. Wegen der großen Härte des Einsatzes sei das Material nicht sehr gut geworden. Es habe so wenige Festnahmen gegeben, weil die Polizisten mit ihrer Eigensicherung beschäftigt waren. «Wir hatten mit dieser Intensität des Gewaltausbruchs nicht gerechnet», sagte die Sprecherin.
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