Morgens um Vier, als in der ukrainischen Hauptstadt bei lauen 20 Grad noch immer der Bär steppte, saß del Bosque völlig entspannt mit einer dicken Zigarre auf der Terrasse des Mannschaftshotels «Opera». Angeregt plauderte der sympathische 61-Jährige mit einigen Fans. Schlafen konnte er nach dieser magischen Nacht auf dem Rückflug nach Madrid nicht, wo für den Nachmittag die ersten Empfänge und Jubelparaden auf dem Programm standen. Die Spieler, von denen etliche beim EM-Erfolg 2008 und dem ersten WM-Triumph 2010 schon dabei waren, gerieten angesichts des Erreichten und ihrer Gala im Endspiel ins Schwärmen. «Das ist etwas Einmaliges, Zauberhaftes, Unwiederholbares», urteilte Andrés Iniesta sichtlich bewegt. «Das war ein Riesenspiel. Ich bin sehr, sehr glücklich. Es ist einfach fantastisch, Champion zu sein», sagte der Mittelfeldzauberer, der von der UEFA zum besten Spieler des Turniers gekürt wurde. Iker Casillas schwelgte: «Wir erleben den wunderbarsten Moment des spanischen Fußballs.» Der Keeper und Kapitän der «selección» zählt wie Iniesta, Xavi, Sergio Ramos, David Silva, Xabi Alonso, Fernando Torres und Cesc Fàbregas zu den Akteuren, die bereits in Österreich und Südafrika dabei waren. Freudetrunken stemmten die dreifachen Meister den Pokal in die Luft, hängten sich spanische oder auch katalanische Fahnen über die Schultern und tanzten ausgelassen auf einem Podest. Ansonsten zeigten die Spanier trotz dieser einmaligen Titelserie keinerlei Überheblichkeit oder Arroganz, höchstens eine gewisse Genugtuung über die Galavorstellung und die Bestätigung ihres zuletzt in die Kritik geratenen «Tiki taka»-Stils. «Ich danke allen, die zu diesem Erfolg beigetragen und die unseren Spielstil mitentwickelt haben», sagte del Bosque. Der Weg der spanischen Mannschaft sei klar vorgezeichnet. Iniesta, auch an diesem Abend mit seinem kongenialen Partner Xavi der überragende spanische Spieler, bezeichnete die «Treue zu unserem Stil» als Grundlage für den Erfolg. Wahre Größe zeigten Casillas & Co, als sie zu den niedergeschlagenen Italienern gingen, um diese zu trösten. «Italien hatte Pech mit der Verletzung von Thiago Motta», sagte del Bosque. «Danach war es für sie vorbei.» Trotz des klaren Ergebnisses habe es zwischen beiden Teams nicht so große Unterschiede gegeben. Kritiker, die nach gewissen Schwierigkeiten in der Gruppenphase gegen Italien (1:1) und Kroatien (1:0) sowie dem mühevollen Halbfinalsieg gegen Portugal im Elfmeterschießen (4:2, 0:0) vorschnell von dem Ende einer Ära sprachen, sind nun eindeutig widerlegt. Spanien hat mit seinem einmaligen Kombinationswirbel und unglaublich viel Ballbesitz die Konkurrenz zum dritten Mal hintereinander düpiert. Mit dem ebenfalls stark kritisierten Wechselspiel zwischen einem klassischen Mittelstürmer (Torres) und einem «falschen Neuner» (Fàbregas) hat del Bosque möglicherweise sogar eine richtungsweisende neue taktische Variante entwickelt. Der erst in der 75. Minute für Fàbregas eingewechselte Torres sicherte sich mit dem 3:0 (84.) und der Vorlage zum 4:0 durch Juan Mata (88.) sogar noch sensationell den «Goldenen Schuh» des Torschützenkönigs. David Silva (14.) nach Fàbregas-Flanke und Jordi Alba (41.) hatten die Pausenführung besorgt.
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