Aus dem Außenseiter ist plötzlich ein Titelanwärter geworden, der die vierjährige Dominanz der Spanier beenden könnte. «Wir haben bewiesen, dass wir mit Spanien mithalten können», erklärte Marchisio, auch wenn der in offiziellen Spielen ungeschlagene Prandelli einräumte: «Spanien ist Favorit.» Der 54-Jährige ist sich sicher: «Wir werden Spaniens Schwachstellen ausfindig machen.» Die Iberer seien in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, sagte er am Freitag. «Aber auch wir sind bei dieser EM gewachsen.» Schon beim 1:1 im ersten Gruppenspiel brachten die Europameister von 1968 das Star-Ensemble um Andrés Iniesta und Xavi an den Rand einer Niederlage. Seit dieser Partie am 10. Juni in Danzig ist das Team immer mehr zusammengewachsen, das Selbstvertrauen immens gestiegen. «Beim 2:0 habe ich in den Gesichtern der Deutschen gesehen: Wir haben gewonnen!», meinte Daniele De Rossi. Selbst der lange Zeit kritisch beäugte Exzentriker Mario Balotelli entpuppt sich mehr und mehr als Teamplayer. «Das war der schönste Abend meines Lebens», jubelte der wegen Krämpfen ausgewechselte Stürmer, um sich dann bei Vorbereiter Antonio Cassano zu bedanken: «So etwas kann nur er.» Nachdem er seine Mutter auf der Tribüne umarmt hatte, erklärte Balotelli: «Diese zwei Tore waren für meine Mutter. Zum Finale wird auch mein Vater da sein - da mache ich vier!» Torwart Gianluigi Buffon bittet sehr darum. In Warschau stürmte der Kapitän wutentbrannt in die Kabine und las seinen völlig entkräfteten Mitspielern wegen der vergebenen Chancen zum 3:0 die Leviten: «Eine EM ist eine ernste Sache. Da spielt man nicht mit dem Feuer», schimpfte der Juve-Star, weil Italiens Sieg am Ende noch in Gefahr geriet. «Wenn sie den Ausgleich geschafft hätten, wäre es 10:2 in der Verlängerung für Deutschland ausgegangen», meinte Buffon. Vieles erinnert nun an den WM-Gewinn von 2006. Damals wie heute überschattete ein Wettskandal die Vorbereitung der Mannschaft. Und wie schon vor sechs Jahren scheinen diese Turbulenzen eher zu beflügeln als zu stören. Mit einer taktischen Meisterleistung zeigte der viermalige Weltmeister der zuvor höher gehandelten DFB-Elf die Grenzen auf. Nur die schwache Chancenauswertung bei Kontern in der zweiten Halbzeit verhinderte einen noch höheren Sieg. Der geniale Regisseur Andrea Pirlo versprach seinen Landsleuten ein «grandioses Finale». Marchisio träumt schon vom sechsten Cup im neunten Turnier-Finale der Italiener: «Jetzt wollen wir den Titel!»
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