Was die Gemüter auch außerhalb der Ukraine so erregte, war eine Szene nach gut einer Stunde Spielzeit. Es lief die 62. Minute an diesem denkwürdigen Abend in der Donbass Arena in Donezk. Ein Schuss des ukrainischen Angreifers Marko Devic senkte sich über Englands Torwart Joe Hart hinab. Der Ball überquerte knapp, aber doch deutlich für alle Fernsehkameras sichtbar die Linie, bevor ihn Englands Routinier John Terry wieder ins Feld beförderte. Was alle TV-Kameras einfingen, was alle Menschen im Stadion später zu sehen bekamen und was als die Fehlentscheidung dieser EM-Vorrunde in die Rückblicke eingehen wird, hatte der ungarische Torrichter Istvan Vad nicht erkannt. Das Spiel lief weiter, die Ukraine war um den verdienten Ausgleich gebracht - und musste sich am Ende nach dem 0:1 durch das Tor von Wayne Rooney von dieser EM verabschieden. Für die Turnierstimmung ein herber Verlust, für die Europäische Fußball-Union ein schwerer Rückschlag. Bis zu diesem letzten Vorrunden-Spieltag hatten in der UEFA von Schiedsrichterchef Pierluigi Collina bis zu Präsident Platini alle das erstmals bei einer großen Veranstaltung getestete System mit den sogenannten additional assistant referees gepriesen. Collina räumte Fehler ein. «Sie haben recht, der Ball war hinter der Linie. Es war ein menschlicher Fehler, verursacht durch einen Menschen», sagte der Italiener in Warschau. «Es gab drei Torsituationen während der EM, bei denen der Torrichter einen wesentlichen Beitrag zur eigentlichen Entscheidung des Haupt-Referees gab. Zwei waren sehr korrekt, leider war die dritte Entscheidung falsch.» Collina betonte: «Wir sprechen über ein paar wenige Zentimeter.» «Das ist das Turnier mit den besten Schiedsrichterleistungen bisher», hatte Platini noch am Montag in seiner Vorrundenbilanz gesagt und seine Kritik an der von der FIFA favorisierten Torlinientechnologie erneuert. «Man braucht solche Systeme nicht, Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball», hatte der Franzose betont und gesagt, dass das legendäre nicht-gegebene Tor von Frank Lampard im Spiel gegen Deutschland bei der WM 2010 in Südafrika mit einem Torrichter auf alle Fälle erkannt worden wäre. «Weil es sein Job ist, zu sehen, ob der Ball hinter der Linie ist», sagte Platini. Nur einen Tag später sollte ihn diese Aussage einholen. Denn beim ukrainischen Torklau tauchte wieder die Frage auf, warum es bei der EURO Torrichter gibt, wenn diese trotz bester Sicht auf das Geschehen in kritischen Momenten versagen. So wie übrigens auch der deutsche Torrichter Florian Mayer beim ausgebliebenen Elfmeterpfiff von Wolfgang Stark nach dem Foul von Sergio Ramos an Mario Mandzukic im Spiel Spanien gegen Kroatien.
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