Bundeskanzlerin Angela Merkel (in rot) schaut zusammen mit dem DFB-Team das Spiel Schweden - USA.
Volle Stadien, sensationelle TV-Einschaltquoten, Hype um das deutsche Team - bereits zur Halbzeit ist die Frauenfußball-Weltmeisterschaft richtig in Fahrt gekommen.
Nur Schlagzeilen um Nordkoreas Dopingskandal und schwache Schiedsrichterinnen sowie einige laue Vorrunden-Partien bremsen die Begeisterung. In den Hopp-oder-Top-Spielen, so prophezeien Experten, werden Marta, Célia Okoyino da Mbabi, Lotta Schelin und Abby Wambach erst richtig Gas geben.
«Vom Tempo und von der Athletik her hat sich der Frauenfußball noch weiter entwickelt», sagte Nia Künzer, die «Golden-Goal»-Torschützin vom deutschen WM-Triumph 2003 und ARD-Expertin, in einem dpa-Gespräch. «Nicht jedes Spiel war ein Knaller: Aber die Gruppenphase ist kein Schönheitswettbewerb - das war auch bei der Männer-WM in Südafrika so.»
Man habe schon gesehen, so die 31-jährige Frankfurterin, «dass die 16 besten Mannschaft enger zusammengerückt sind». Selbst Länder wie Kolumbien und Mexiko ohne große Tradition im Frauenfußball hätten gezeigt, dass sie mithalten können. Kantersiege, wie es sie bei vergangenen Weltmeisterschaften oft gab, sind nicht mehr drin. Nach der Vorrunde haben die 16 Mannschaften in 24 Spielen 60 Treffer erzielt - im Schnitt 2,50. Das sind deutlich weniger als 2007 in China (85/3,54), 2003 (81/3,38) und 1999 (98/4,08) in den USA.
«Es gibt nicht mehr Ergebnisse wie 8:0 oder 11:0, das ist positiv. Da kann man sehen, dass insbesondere in der Defensive gute Arbeit geleistet wurde», sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger, bemängelt aber auch: «Sicherlich lässt das offensive Spiel, das Umschalten von Mittelfeld auf Angriff auch phasenweise zu wünschen übrig. Ich glaube, dass wir die wirklich sportlich interessanten Partien ab dem Viertelfinale sehen können.»
Hochzufrieden sind das WM-Organisationskomitee und der DFB mit der Zuschauerauslastung. 597 644 Besucher kamen zu den Gruppenspielen in die neun WM-Stadien, im Durchschnitt 24 902. Die Rechnung geht auf: Der Etat von 51 Millionen Euro muss jedenfalls nicht vom DFB ausgeglichen werden.
«Wenn mir vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass die Zuschauerauslastung über 80 Prozent beträgt, dann hätte ich den Kopf geschüttelt», sagte Künzer. «Ich bin doch überrascht und beeindruckt, wie sehr die WM in Deutschland angekommen ist. Durch die umfangreiche Berichterstattung in den Medien ist ein regelrechter Hype entstanden.»
750 000 der 900 000 Tickets auf dem Markt sind weg. Und die Einschaltquoten schlagen alle Rekorde: 16,39 Millionen sahen Deutschlands 1:0-Sieg gegen Nigeria, beim Frankreich-Spiel lag der Marktanteil ebenfalls über 50 Prozent. Der Andrang beim Public Viewing hält sich hingegen eher in Grenzen. Nur die größte Fanmeile in Frankfurt platzt bei deutschen Spielen aus allen Nähten: Schon zweimal waren rund 15 000 Fußballbegeisterte am Mainufer.
Der Frauenfußball hat viele neue Fans gefunden - zum Beispiel Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass. Weniger Fouls, mehr Mannschaftsspiel, das habe, so der 83-Jährige, «einen zusätzlichen ästhetischen Reiz». Und Grass findet die deutschen Spielerinnen «vertrauter als andere, sehr individuell ausgeprägt», ihr ganzes Auftreten differenzierter als bei den männlichen Kickern.
Mit dem ganzen WM-Tempo nicht mithalten können einige Schiedsrichterinnen - Blackout und Pannen hieß es da. Mit dem nicht geahndeten Handball-Spiel von Äquatorialguineas Abwehrspielerin Bruna leistete sich die ungarische Unparteiische Gyoengyi Gaal einen in der Fußball-Geschichte denkwürdigen Fauxpas. «Die Leistungen der Schiedsrichterinnen waren nicht immer so zufriedenstellend. Das war 2010 ähnlich, weil eben die Zusammenstellung der Referees nach einem Kontinental-Schlüssel läuft», erklärte Künzer. «Das war ein Wermutstropfen, ebenso vielleicht wie die Leistungen der Torhüterinnen. Da merkt man, dass in der Ausbildung noch nicht so viel Wert daraufgelegt wird.»