Am späten Abend meldete sich bin Hammam zu Wort. «Ich bin sehr enttäuscht, wie der Stand des Verfahrens auf der Pressekonferenz dargestellt wurde. Ich erwarte, dass dies so weitergehen wird», schrieb bin Hammam in seinem Blog. «Das ist nicht das, was ich unter Fair Play verstehe. Ich behalte mir alle Rechte vor.» Bin Hammam bentonte, dass die Beweise nicht für eine Verurteilung ausgereicht hätten, deshalb hätte er auch nicht verbannt werden können. Er warf in dem Zusammenhang Generalsekretär Valcke vor, die Ethikkommission beeinflusst zu haben. Der Katarer hatte seine Kandidatur für die Wahl zum FIFA-Chef zuvor überraschend zurückgezogen. Blatter war von bin Hammam beschuldigt worden, von dem Korruptionsvorwurf gewusst, ihn aber nicht angezeigt zu haben. «Es gibt keinen Grund, die Wahl zu verschieben», sagte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke. «Die Anschuldigungen gegen Herrn Blatter wurden nicht aufrechterhalten.» Seit den Morgenstunden hatte die Ethikkommission am Sonntag hinter verschlossenen Türen im Home of FIFA hoch über Zürich getagt. Bin Hammam war kurz anwesend samt juristischem Beistand, Warner hatte sich schriftlich geäußert und auch Blatter stand Rede und Antwort - hatte aber keinen Rechtsanwalt dabei. Sowohl bin Hammam als auch Warner bestritten erneut alle Anschuldigungen - der eine persönlich, der andere schriftlich. Dennoch urteilte die Kommission, «dass diese Offiziellen vorübergehend von Fußball-Aktivitäten ausgeschlossen werden müssen». Die Suspendierung gilt erst einmal für 30 Tage. In dieser Zeit wird die FIFA nun auch mit Hilfe externer Spezialisten weitere Untersuchungen durchführen. Blatter hatte zum Zeitpunkt der Pressekonferenz um 18.00 Uhr die FIFA-Zentrale längst verlassen. Trotz des «Freispruchs» warten nun aber turbulente Tage auf den 75-Jährigen. Die Forderungen nach einer Verschiebung der Wahl werden nicht verstummen. Allerdings müssten dreiviertel der Verbände auf dem Kongress in der kommenden Woche dafür stimmen. Der große Befreiungsschlag und die Image-Rettung der in Trümmern liegenden FIFA ist mit diesem wachsweichen Entscheid fehlgeschlagen. Im größten Skandal in der 107-jährigen Geschichte der FIFA bleiben viele Fragen offen. Wieso glaubt die Kommission Herrn Blatter, dass er nichts von den Zahlungen gewusst haben will? Was ist mit dem von Warner großspurig angekündigten «Fußball-Tsunami»? Längst ist die Glaubwürdigkeit des Weltverbandes unreparierbar erschüttert. Franz Beckenbauer nannte die Korruptionsaffäre ein «Desaster für den Fußball», will aber nicht als Retter in der Not auftreten. «Auf gar keinen Fall» stehe er zur Verfügung, sagte der «Kaiser» der BBC. Auch UEFA-Boss Michel Platini erklärte eine sofortige Kandidatur für das höchste Amt im Weltfußball für «ausgeschlossen». Zuvor hatten neue Enthüllungen in englischen Medien bin Hammam und FIFA-Vize Jack Warner schwer belastet. Nach einem Bericht des «Telegraph» soll das Duo 25 FIFA-Funktionären aus der Karibik insgesamt eine Million Dollar angeboten haben zur Unterstützung bin Hammams. Nach der Wahlkampfrede bin Hammams am 10. Mai in Port of Spain soll Warner die Delegierten einzeln in einen Konferenzraum des Hotels gebeten haben. Laut «Telegraph» soll dann jedem der 25 Funktionäre 40 000 Dollar Bargeld als «Geschenk» angeboten worden sein, verbunden mit der Bitte, «niemandem davon zu erzählen».
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