Beide hielten in Hechingen selbst intimste Details nicht zurück, um ihre Version zu stützen. Schamgrenzen gab es kaum. Kempter schilderte genau, wie er im Juli 2001 im Alter von 18 Jahren bei seinem ersten Schiedsrichter-Lehrgang auf DFB-Ebene von Amerell aufs Zimmer gebeten und dort geküsst wurde. Für die folgenden sieben Jahre beschrieb er fünf weitere Annäherungen mit Datum und Hintergrund. Dass er den Vorfall in Barsinghausen erst jetzt und nicht schon bei seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft benannt hat, erklärte Kempter mit seiner Traumatisierung. «Das war nicht mehr auszuhalten. Ständig diese sexuelle Annäherung von ihm», sagte der Bankkaufmann aus Sauldorf. Einen späteren Vorfall beschrieb er mit den Worten: «Er hat seine eklige Zunge bei mir in den Mund gesteckt.» Amerell bestritt die Vorwürfe. «Die Abläufe, die er geschildert hat, sind unwahr», sagte er. Der Hotelier aus Augsburg zitierte stattdessen aus mehreren privaten E-Mails von Kempter, um zu belegen, dass das Verhältnis «mit der Zeit immer enger, persönlicher und intimer wurde». Seinen Aussagen zufolge kam es erst im Mai 2008 in einem Kölner Hotel zu einem ersten Kuss - und das im Einvernehmen. «Damals pfiff er schon in der Bundesliga, war auf höchstem Niveau angekommen und hatte überhaupt nichts zu befürchten», meinte Amerell. «Unsere Beziehung war völlig unabhängig von meinem Amt.» Kempter hatte erklärt, den Annäherungen nur deshalb nicht widerstanden zu haben, weil er seine Schiedsrichter-Karriere nicht gefährden wollte. Im Zuge dieser Affäre war Amerell 2010 als Schiedsrichter-Sprecher zurückgetreten. Beim DFB hatten sich drei weitere Referees gemeldet, die von ihm belästigt worden sein sollen. Amerell warf Kempter vor, seine Aussagen mit dem Trio abgesprochen zu haben. Und er erhob schwere Vorwürfe in Richtung Verband: «Ich wurde bis heute weder angehört noch hat man mir konkrete Vorwürfe genannt.» Als Gründe für seinen Rücktritt nannte er das Verhalten des DFB und Medien-Druck. Im Unterschied zu Amerell könnte Kempter zumindest theoretisch noch eine Zukunft im Fußball haben. «Unser erklärtes Ziel ist es, dass er in ein paar Jahren wieder oben pfeift», sagte Schickhardt. Der DFB will darüber erst entscheiden, wenn alle Prozesse abgeschlossen sind. Für Kempter steht daher finanziell wie perspektivisch in diesem Prozess mehr auf dem Spiel als für Amerell. Obwohl das Medienaufkommen im Landgericht geringer war als erwartet, versuchte sein Anwalt immer wieder, die Zuhörer auf seine Seite zu ziehen. «Das ist ja fast wie bei Kachelmann» warf Schickhardt Amerell vor. Dessen Vertreter Langer warf seinem Kollegen «Öffentlichkeitsbedienung» vor. Die wird es in einem schriftlichen Verfahren erst einmal nicht mehr geben können.
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