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Unrühmlicher Abgang von Rambo Zidane

Berlin (dpa) - 10.07.2006, 13:37 Uhr

Referee Horacio Elizondo zeigt Zinedine Zidane im WM-Finale die Rote Karte.
Referee Horacio Elizondo zeigt Zinedine Zidane im WM-Finale die Rote Karte.

Rote Karte statt Goldpokal. Mit seiner rüden Rambo-Attacke per Kopfstoß gegen die Brust des Italieners Marco Materazzi schrieb Frankreichs Fußball-Ikone Zinédine Zidane im Berliner Finale ein trauriges Schlusskapitel der Fußball-WM - und seiner eigenen großartigen Karriere.

Mit seinem Ausraster in der Manier eines gereizten Stiers schockte der zu den beliebtesten Fußballspielern der Welt zählende Mittelfeldstar in der 110. Minute des WM-Finales seine große Fangemeinde. Der Sekunden-Aussetzer warf einen langen Schatten auf seine Abschieds-Vorstellung, die eigentlich ein Fest seines letzten «Hurra» hätte werden sollen. «Zidane, was für ein hässliches Ende», schrieb die italienische «La Gazzetta dello Sport».

War es Mitleid, war es Verständnis, dass die Wahl des besten Spielers des WM-Turniers durch die Journalisten ausgerechnet auf den Sündenbock fiel? Ein Trostpreis eben. Weltweit Betroffenheit machte sich breit, dass dem ansonsten schweigsamen und schüchternen Kapitän der «Équipe tricolore» derart die Sicherungen durchbrannten. «So etwas darf Zidane nicht passieren. Er ist eigentlich ein recht zurückhaltender und harmloser Mensch. Irgendetwas muss ihm Materazzi gesagt haben», befand OK-Chef Franz Beckenbauer.

Frankreichs Trainer Raymond Domenech ging auch davon aus, dass Materazzi seinen Kapitän mit Worten weit unter der Gürtellinie zu der krassen Kurzschlussreaktion provoziert hat. «Nicht Pirlo, sondern Materazzi war der Spieler des Spiels. Er hat alles organisiert, damit Zidane vom Platz gestellt wird», klagte der 54-Jährige an. «Es ist so traurig, dass ein großer Spieler wie er seine Karriere mit einer Roten Karte beendet, nachdem er ein großes Turnier gespielt hat. Wir alle sind traurig - und er selbst am meisten», meinte Domenech.

Erklärungsversuche gab es viele, selbst vom Gegner. «Vielleicht war er genervt oder müde. So eine Handlung entspricht nicht seinem Charakter. Für mich bleibt er ein großer Champion», meinte Andrea Pirlo. Weltmeister-Coach Marcello Lippi, der Zidane bei Juventus Turin einst unter seinen Fittichen hatte, sagte: «Es ist schon bizarr, dass er seine Karriere auf diese Weise beendet.» Verständnis zeigte auch Frankreichs Staatschef Jacques Chirac, der die am Boden zerstörten «Bleus» in Paris empfing: «Ich weiß nicht, was genau passiert ist. Ich habe aber große Achtung vor diesem Mann, der die Werte dieses Sports verkörpert und Frankreich Ehre erwiesen hat.»


Kontrollverluste sind in Zidanes Profikarriere keine Seltenheit. Es war bereits sein zwölfter Platzverweis. Mit einer vergleichbaren Kopf-Attacke hatte sich der zum Jähzorn neigende, nicht nur am Ball unberechenbare Regisseur 2003 im Champions-League-Spiel von Juventus Turin mit einem Kopfstoß gegen HSV-Spieler Jochen Kientz eine Rote Karte eingehandelt. Ball und Gegner beherrscht er ganz offensichtlich besser als bisweilen sich selbst. Die Londoner Zeitung «Guardian» skizzierte Anfang und Ende einer so traurig zu Ende gegangenen Weltkarriere: «Zidane hat seine Karriere als Straßenfußballer in einem Vorort von Marseille begonnen. Beendet hat er sie als Straßenkämpfer vor einer weltweiten Zuschauerschar.»

Vehement wehrte sich Lippi gegen Vermutungen, die Italiener hätten Zidanes Platzverweis provoziert oder die Rote Karte verlangt. «Wir waren es nicht, die den Platzverweis gefordert haben. Es war der vierte Schiedsrichter, der mit Hilfe der Zeitlupe den Fall an den Schiedsrichter weitergab. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass eine Zeitlupenwiederholung herangezogen wurde», meinte Lippi.

Erst auf Intervention des vierten Offiziellen, des Spaniers Luis Medina Cantalejo, soll der argentinische Referee Horacio Elizondo nach Rücksprache mit seinem Landsmann an der Linie, Dario Garcia, mit einiger Verspätung die Rote Karte gezückt haben. Eine Version, die vom Weltverband FIFA in Abrede gestellt wurde. «Es gab kein Video. Cantalejo hat den Vorfall gesehen und den Schiedsrichter über den Kopfhörer informiert», sagte ein FIFA-Sprecher der dpa.

Es wäre die unfreiwillige Geburtsstunde des Video-Beweises gewesen, der beim Weltverband FIFA und dessen Chef Joseph Blatter bisher auf strikte Ablehnung trifft. Fehlte Blatter am Ende deshalb bei der von UEFA-Präsident Lennart Johansson und dessen möglichen Nachfolger Franz Beckenbauer vorgenommenen Siegerehrung?

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