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«Dicker» und «Entrechtete» lassen Brasilien jubeln

Rio de Janeiro (dpa) - 23.06.2006, 15:46 Uhr

Robinho (l) spielte erstmals bei der WM von Beginn an - und spielte stark.
Robinho (l) spielte erstmals bei der WM von Beginn an - und spielte stark.

Ein «Dicker» und mehrere «Entrechtete» haben ganz Brasilien in Ekstase versetzt.

Ob im Regierungspalast Alvorada in Brasilia, im piekfeinen Jockey Club in der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo, bei einem Volksfest auf der Aussichtsanlage des Zuckerhuts in Rio de Janeiro oder in Slums, Indiodörfern und entlegenen Fazenda-Landgütern - überall wurde bis spät in die Nacht mit Caipirinha und Samba-Musik der 4:1-Sieg der «Seleção» in Dortmund gegen Japan gefeiert.

Die meisten Medien, Experten und Fans lobten dabei nicht nur den «wiedergeborenen» Stürmerstar Ronaldo, der zuvor wegen Übergewichts und anderer Probleme schon fast abgeschrieben war, sondern auch die Reservisten, die von Trainer Carlos Alberto Parreira eine Chance erhalten hatten. Weil sie diese zu einer Gala nutzten, sprachen viele Beobachter in Brasilien von einem möglichen Pyrrhus-Sieg Parreiras.

«Der hat sich ein schönes Problem eingehandelt: Wie soll er bloß die Spieler wieder herausnehmen, die so viel besser gespielt haben als diejenigen, die bisher zum Einsatz gekommen waren», meinte etwa ESPN-Brasil-Starjournalist Juca Kfouri. Neben Toren habe Brasilien Übersteiger, Tricks, Dribblings, schöne Pässe gezeigt - kurz: «all das, was kein anderes Team zeigen kann, mit Ausnahme unserer argentinischen Rivalen». «Hoch lebe der Dicke!», fügte Kfouri hinzu.

Das Sport-Portal des Medienriesen «Globo» stieß ins selbe Horn: «Robinho und die anderen Ersatzspieler haben dem Team ein anderes Gesicht gegeben». Juninho habe dem Mittelfeld Kraft und Klasse verliehen, Cicinho sei bei den meisten Toren wichtig gewesen, und der «Deutsche» Gilberto von Hertha BSC Berlin habe ebenfalls sehr gut gespielt. Vor allem aber Robinho habe geglänzt.


Das sahen auch die Bewohner von Robinhos Geburtsstadt Sao Vicente im Bundesland Sao Paulo so. Dort trafen sich Freunde, Angehörige und sogar der Bürgermeister, um das Spiel zu sehen. «Er muss nun Stammspieler bleiben, das Team war so viel besser», schrie Luciano Baptista, ein Jugendfreund des wieselflinken Mannes von Real Madrid.

Auch in einer der bekanntesten Fußballstraßen Rios, der Alzira Brandao, wo Zigtausende das Spiel gegen Japan vor einer Großleinwand und in den umliegenden Bars verfolgten, wurde lautstark ein Umdenken Parreiras gefordert. «Sonst begeht der Mann Selbstmord», meinte der Straßenverkäufer Joao inmitten der in grüngelb gekleideten Menge.

Forderungen an Parreira kamen auch aus Expertenmunde. «Brasilianischer Fußball ist das, was wir heute gesehen haben. Das war fröhlicher, viel besserer Fußball. Parreira hat die Elf aufgestellt, die Brasilien wollte, das muss so bleiben», sagte Abel Braga, Coach des Spitzenteams Internacional Porto Alegre.

Reporter brasilianischer Medien beobachteten derweil in Dortmund, dass der bisherige Stammstürmer Adriano nach dem Spiel gegen Japan sehr sorgenvoll geblickt und kein Wort herausgebracht habe. Ängste müssten auch Altstars wie Cafu und Roberto Carlos haben. Den von Parreira genehmigten freien Tag dürfte dagegen Ronaldo mit seinen Eltern, Sohn Ronald und Freundin Raica genießen. «Geduld war immer das wichtigste Wort in meinem Leben», sagte er. Juninho, Star des französischen Meisters Olympique Lyon, sprach derweil für den Kreis der «Entrechteten»: «Die WM fängt erst an.»

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