Dass Deutschland nach der Niederlage gegen Italien nicht miesepeterig reagierte oder in Missstimmung versank, ist für Kommentatoren auf der iberischen Halbinsel ein Anzeichen für diese neue Einstellung. Das verlorene Halbfinale sei vielleicht sogar heilsam gewesen, denn gerade die ältere Generation habe gelernt, dass es nicht gut sei, ständig an der Spitze zu sein. Deutschland sei jedenfalls kaum wiederzuerkennen, meinte der langjährige Korrespondent einer anderen spanischen Tageszeitung. Für das portugiesische Blatt «Diário de Notícias» war die WM eine gute «Gruppentherapie» für die Deutschen, die sich «mit großen Identitätskomplexen herumplagen, obwohl sie Exportweltmeister sind und ein großzügiges Sozialsystem haben.» Nun sei zu wünschen, heißt es, dass dieses neue Gefühl auch nach der WM anhalte und sich nicht in Chauvinismus verwandele. Regelrecht ins Schwärmen geriet ein Reporter des in Zürich erscheinenden «Tages-Anzeigers», als er nach mehreren Wochen Fußball-WM in Deutschland Bilanz zog: «Sie (die Deutschen) zeigen sich als einfühlsame, vorbildliche Gastgeber, weit über den Fußball hinaus.» Das sind neue Töne, denn eigentlich halten zumindest viele der deutschsprachigen Schweizer (und das sind zwei Drittel des Landes) die Nachbarn im «Großen Kanton» zumeist für laut und arrogant. Die Fußball-WM hat das Bild der Deutschen in der Schweiz gewandelt, meint Imageforscher Christian Fischer von der Uni Zürich. Die Deutschen hätten eine andere Fußballwirklichkeit geschaffen, schrieb der «Tages-Anzeiger»: «Liebenswürdige und hilfsbereite Polizisten, unzähliges jugendliches Hilfspersonal rund um die Stadien, fröhliche Kondukteure in der Deutschen Bundesbahn und lachende Taxichauffeure empfangen die Gäste.» Die Niederlage gegen die Italiener sei aber nötig gewesen, schrieb der «Blick»: «Der Stecker ist genau im richtigen Zeitpunkt herausgezogen worden. Bevor die Deutschen wirklich durchdrehen - aber erst nachdem sie ihr Selbstvertrauen zurückerhalten haben.» Imageforscher Fischer erläutert, die Schweizer schätzten deutsche Tugenden wie Wissen, Organisation, Kultur. «Deutsche sind für uns das bessere Ich. Der große Bruder, den man zwar gern hat. Aber gegen den man auch rebellieren will.» Nur der «Neuen Zürcher Zeitung» war das alles zu viel. Der neue Nationalstolz sei vielleicht auch gefährlich, hieß es dort zwischen den Zeilen. Am nächsten Tag druckte das Blatt prominent zwei Leserbriefe, die dagegen hielten - aus Deutschland. Einen Zusammenhang zwischen Adolf Hitler und der Fußball-WM mag herzustellen ist für britische Boulevardblätter kein Problem. Zum Finale hob die «Daily Mail» wieder einmal Hitler ins Blatt. Mit dem Foto erinnerte die viel gelesene Zeitung (Auflage: rund 2,4 Millionen) daran, dass der Endspielort Berliner Olympiastadion einst von den Nazis gebaut wurde. Immerhin stellte sie auch fest: «Der Erfolg des Turniers ist ein Beweis dafür, wie sich Deutschland verändert hat.» Auch bei Verweisen an die Vergangenheit ist sich die britische Öffentlichkeit einig: Die WM hat dem Gastgeber gut getan. Kaum jemals wurde auf der Insel so viel über Deutschland berichtet wie in den vergangenen Wochen. Fast immer kamen die Autoren zu dem Schluss, dass die alten Deutschland-Bilder mit der Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen. Weil die einstigen «Rumpelfüßler» plötzlich schönsten Offensiv-Fußball spielen und weil sich auch außerhalb der Stadien einiges getan hat. Der liberale «Independent» urteilte angesichts der Flaggenmeere in Schwarz-Rot-Gold: «Die Deutschen haben dank der WM ihre nationale Identität wieder entdeckt.» Die konservative «Times» zog einen Vergleich mit der Stimmung in Großbritannien nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana im Sommer 1997: «Damals haben die Briten gelernt, in der Öffentlichkeit zu weinen. Jetzt lernen die Deutschen, sich selbst zu mögen.» Der Ex-Berater von Premierminister Tony Blair, Alastair Campbell, kam zu dem Schluss, dass die Deutschen die «eigentlichen Gewinner der WM» seien. Der «Schatten von Hitler» sei verschwunden. «Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlen sich die Deutschen wohl in ihrer eigenen Haut.» Die nationalbewussten Niederländer haben kein Problem mit dem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer, das zur Fußball-WM hinter ihrer Ostgrenze aufbrandete. Verwundert hat in Oranje-Land vielmehr die Diskussion, die in Deutschland selbst darüber geführt wird. «In dem Moment, als die Straßen Schwarz-Rot-Gelb wurden, ging eine therapeutisch gefärbte Debatte über den "neuen Patriotismus" los», berichtete der Korrespondent der «Volkskrant» aus Berlin. «Als ob es um die Hakenkreuzfahne ginge», ergänzte der Kolumnist Eric Brassem in der «Trouw» leicht genervt. Die Besetzung der Niederlande durch das nationalsozialistische Deutschland ist nicht vergessen und manchmal noch Anlass für Misstrauen. Aber das heutige Deutschland wird damit nicht gleich gestellt. «Die Nazis haben Schwarz-Rot-Gelb niemals benutzt», betont Brassem. «Die Deutschen sollten jetzt mit dem Gesülze über ihre Fahne aufhören.» «Schwarz, Rot und Gelb sind Modefarben geworden», berichtet auch der Korrespondent des Massenblattes «Telegraaf» - dass es eigentlich um Gold geht, fällt den Niederländern nicht auf. «Endlich darf das nationale Selbstbewusstsein vor der ganzen Welt gezeigt werden. Gründlichkeit und Ordentlichkeit wanderten in den Kühlschrank, Deutschland wurde eine fröhlich feiernde Nation.» Nur fragt er sich besorgt, ob die für Deutschland «beispiellos entspannte Atmosphäre» die WM überdauern kann. Der Korrespondent der «Volkskrant» glaubt nicht daran: «Der neue Nationalismus ist saisongebunden.» Laut einer Umfrage gingen selbst die Deutschen davon aus - «denn sie bleiben natürlich Deutsche.» Geärgert haben sich die Oranje-Fans allerdings über das nicht enden wollende «Ohne Holland fahren wir nach Berlin». «Schadenfreude ist die schönste Freude», schreibt resigniert ein Reporter des «NRC Handelsblad». «Als Niederländer in Deutschland war ich in den letzten Wochen immer der Dumme.» Auch in Dänemark sieht man den neuen deutschen «Patriotismus» in positivem Licht: «Ohne den geringsten Zweifel steht fest, dass Deutschland sich hier als vorbildlicher Gastgeber erwiesen und das eigene Motto voll erfüllt hat: Die Welt zu Gast bei Freunden.» Diese WM sei «perfekt», meinte die größte dänische Zeitung «Jyllands-Posten». Ihre eigene Nationalfahne Danebrog pflanzen die Dänen zu jeder passenden und weniger passenden Gelegenheit auf Fahnenmasten, Geburtstagskuchen, Hauseingänge, Lebensmittelverpackungen und gerne auch auf die eigene nackte Haut. Dass das zur WM erstmals auch beim großen Nachbarn Deutschland praktiziert wurde, hat den selbst nicht qualifizierten Skandinaviern ganz eindeutig gefallen. Im Alltag bekamen deutsche Dänemark-Zuwanderer überraschende SMS-Liebeserklärungen aufs Handy: «Stell dir vor, ich halt jetzt gegen Argentinien zu Euch.» Krieg und Nazi-Besatzungszeit hatten ebenso wie das als arrogant, kalt und unsympathisch empfundene Auftreten deutscher Nationalmannschaften dafür gesorgt, dass dänische Fußballfans eigentlich immer mit den anderen hielten. Hauptsache, der ungeliebte große Nachbar verliert. «Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei», von 150 000 auf dem Kopenhagener Rathausplatz nach dem EM-Finalsieg 1992 gegen den haushohen Favoriten um Mannschaftskapitän Jürgen Klinsmann gesungen, ist für dänische Fußballfans vielleicht die schönste Erinnerung überhaupt. Die WM könnte das nachhaltig verändern. Stärker noch als die überraschend risikoreiche Spielweise der deutschen Gastgeber hat dazu die unbeschwerte WM-Partystimmung in ganz Deutschland beigetragen. Sie hat viele Dänen mindestens so überrascht und beeindruckt wie die politischen Fronten zum Irak-Krieg. «Wer hätte das gedacht, das ihr mal die Friedenstauben seid und wir die Kriegstreiber», meint der Kunsthistoriker Henning Andersen zum Berliner Nein und dem Kopenhagener Ja bei der Invasion 2003. Das unübersehbare Meer der schwarz-rot-goldenen Fahnen, die bei dieser WM so massenweise flatterten wie nie zuvor, ist auch in Kroatien nicht unbemerkt geblieben. Dies und die ausgezeichnete Organisation, starke Sicherheitsvorkehrungen und die zum Teil neu erbauten Stadien haben in Kroatien die traditionelle Faszination für Deutschland noch verstärkt. Die Deutschland-Korrespondentin der auflagenstarken Zagreber Zeitung «Jutarnji list» schrieb von der «Geburt eines neuen deutschen Patriotismus». Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg zeige sich dieser Patriotismus ganz frei, ohne Scham und ohne die bisher verbreiteten Schuldgefühle, hieß es in ihrem Kommentar. Auf dem Balkan und damit auch in Kroatien gelten für die Deutschen oft überbrachte Stereotype und Vorurteile: Deutsche sind ein Kollektiv, das nach den Grundsätzen Ordnung, Arbeit und stahlharte Disziplin funktioniert. Dazu kommt die Angst vor dem deutschen Nationalismus. Aber gerade das energische Einschreiten der Polizei gegen nationalistisch motivierte Fans und das Ausbleiben von Übergriffen gegen Ausländer haben in Kroatien den Eindruck gestärkt, dass dieser neue deutsche Patriotismus kein Grund zur Angst in Europa sein sollte. Distanzierter die Italiener: Mag die lockere Lebensfreude der Südländer über einiges hinwegtäuschen, ihr Bild der «Teutonen» ist oft von Unverständnis, Kritik und alten Vorurteilen geprägt. Daran kann auch eine Fußball-WM so schnell nichts ändern. Jedoch ist durch die neu entdeckte, fröhliche Party-Stimmung in Deutschland und die gelungene Organisation der WM etwas in Bewegung gekommen: «Ich fahre nach Berlin, die Feiern in der deutschen Hauptstadt am Sonntagabend will ich unbedingt miterleben - auch wenn ich kein Ticket für das Stadion habe», sagt Antonio, ein römischer Tifoso. Dass sich von Buxtehude bis Bregenz in den vergangenen Wochen etwas bewegt hat, dass Deutschland wieder «flaggt» und einen gewissen Nationalstolz wiederentdeckt hat, davon haben die Italiener fast nichts mitbekommen. Einerseits sind sie wohl zu sehr auf sich selbst fixiert, andererseits ist es im Stiefelstaat seit vielen Jahren ganz selbstverständlich, dass zu jedem kleinen Anlass Fahnen aus dem Fenster gehängt werden. In einer Kurzreportage im staatlichen Fernsehsender RAI 2 wurde vom ungewöhnlich schönen, fast südländischen Wetter in «Germania» geschwärmt. Die ausgezeichnete Organisation fand ebenso Lob wie die gute Stimmung und die netten Partys, die die Deutschen in den vergangenen Wochen veranstaltet haben. Besonders wurde erwähnt, dass es während der WM zu keinen rassistischen Übergriffen oder Krawallen gekommen ist, lediglich ein paar englische Hooligans seien festgenommen worden, hieß es da. «Die Deutschen riskieren, fast sympathisch zu wirken - und das ist beinahe wichtiger für sie, als die Weltmeisterschaft zu gewinnen», kommentierte der TV-Journalist.
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