Wildpinkler auf Fanmeilen - Gestank bis zum Himmel
Berlin (dpa) - 04.07.2006, 10:43 Uhr
Die Fußballenthusiasten dieser WM sind Weltmeister im wilden Pinkeln.
Begeisterung, Bier, Büsche: Die Fußballenthusiasten dieser WM sind nicht nur Weltmeister im Jubeln und Trinken, sondern auch im «wilden» Pinkeln.
Gerade auf Deutschlands Fanmeile Nummer eins in Berlin werden massenhaft Schlachtenbummler gesichtet, die sich immer wieder entlang der beliebten Jubelstrecke im Tiergarten in die Büsche schlagen. «Bei den Deutschland-Spielen ist die Frequenz am höchsten», stöhnt der Inspektionsleiter des Grünflächenamtes Berlin- Mitte, Jürgen Götte. Es stinke wirklich zum Himmel.
In Stuttgart erleichtert sich die männliche Feiergemeinde trotz Dixi-Klos und WC-Center bevorzugt an Hauswänden, in U-Bahn- Unterführungen und sogar Ladeneingängen. In Nürnberg haben enthemmte Enthusiasten am Sandstein der Stadtmauer sichtbar Spuren hinterlassen. Auch im Kneipenviertel stehen dieser Tage in den engen Gassen Jugendliche, die das Wasser nicht mehr halten können. Das sei aber eher ein Geruchs- als ein Schadensproblem, sagt der Leiter des Nürnberger Hochbauamtes, Wolfgang Vinzel. Ähnlich wird das in Dortmund gesehen. «Kein Problem, worunter das Fußballfest leidet», heißt es beim Ordnungsamt. Aber 120 Wild-Pinkler seien schon verwarnt worden.
Für die Hunderttausenden auf der Berliner Fanmeile wurden rund 300 Toilettenhäuschen aufgestellt. Gerade in den Halbzeitpausen herrscht dort dichter Andrang. Wer sich nicht anstellen oder 50 Cent berappen will, hinterlässt seine Spuren oft ein paar Schritte weiter: Experten gehen an einem Tag mit einer vollen Fanmeile von 200 000 Litern Urin aus, die im historischen Tiergarten versickern.
Auch umgeknickte Sträucher, dicke Trampelpfade und geschädigte Wurzeln muss das Gartendenkmal mitten in der Hauptstadt einstecken. Die geschätzten Kosten für die Beseitigung der Schäden belaufen sich schon auf 300 000 Euro. Fast keine Probleme gebe es dagegen mit dem Müll. Bis zu sieben Tonnen werden nachts nach Spieltagen weggeräumt, dann ist die Berliner Meile wieder blitzebank, heißt es bei der Reinigungsfirma Ruwe. Der Urin ist dagegen gerade morgens nicht zu überriechen.
In Frankfurt dagegen machen die feucht-fröhlichen WM-Partys den Müllmännern schwer zu schaffen. Die städtische Entsorgungs- und Service GmbH beseitigt an Top-Spieltagen in der Main-Arena und der Innenstadt rund 15 Tonnen Fan-Hinterlassenschaften - Dosen, Flaschen, Werbezettel und Fahnen enttäuschter Fans.
Das Grünflächenamt Berlin-Mitte wässert und wässert, um die schädliche Harnkonzentration im Boden zu verdünnen und den beißenden Geruch wegzukriegen. Dafür wurden extra Ein-Euro-Jobber angestellt. Ein eigenes Pumpwerk fördert das Wasser aus dem Landwehrkanal. Auf Hinweis- oder Verbotsschilder hat die Stadt verzichtet. «Es gehört doch zum menschlichen Umgang, dass man nicht im öffentlichen Raum pinkelt», sagt Inspektionsleiter Götte. Er hofft, dass sich der Park bis zum Herbst erholt und sein Flair neu entfalten kann.
In Stuttgart berichtet die Leterin der Straßenreinigung, Elke Prokopp, über die mitunter streng riechende Fanmeile: «Wenn's hart kommt, setzten wir dem Wasser auch Duftstoffe zu.» Auch das Neue Schloss, vor dem die Großbildleinwände stehen, sei ein beliebtes Pinkel-Ziel. Die Urin-Ecken werden von einem Wasserwagen gründlich abgesprüht. München hat laut Polizei solche Probleme nicht. «Die WM sprengt da nicht den üblichen Rahmen von Großveranstaltungen», sagt ein Sprecher.
Eine Woche nach dem WM-Finale kommt mit der Love-Parade in der Hauptstadt schon die nächste Belastungsprobe für den Tiergarten. In der Vergangenheit waren auch bei diesem Riesenspektakel immer wieder Männer an Bäumen und Sträuchern in unmissverständlicher Pose aufgefallen. Aber sie kommen ja nur für einen Tag.