Trotz Krämpfen hatte Ballack wie Oliver Neuville, Lukas Podolski und Tim Borowski vom Elfmeterpunkt souverän verwandelt. Gleich danach ließ er seine lädierten Waden behandeln, auch Klose wurde von muskulären Problemen geplagt. «Viele sind absolut über ihre Grenzen gegangen», lobte Klinsmann nach der aufwühlenden zehnten Halbfinal-Qualifikation einer deutschen WM-Mannschaft sein Personal. Die medizinische Abteilung arbeitete rund um die Uhr, nicht nur der Abnutzungskampf gegen die bissigen Gauchos hat bei den Spielern Wirkung hinterlassen. In Per Mertesacker, Philipp Lahm und Lehmann haben drei Akteure bisher alle 480 WM-Minuten absolviert; Arne Friedrich, Torsten Frings, Bastian Schweinsteiger, Bernd Schneider, Lukas Podolski und Klose standen unwesentlich kürzer auf dem Platz. Regeneration steht deshalb bei der Vorbereitung auf den Italien-Hit an erster Stelle. Klinsmann könnte sogar Frischblut in die Startelf bringen, vor allem Tim Borowski hatte nach seiner Einwechslung gegen Argentinien nicht nur durch seine Tor-Vorbereitung per Kopf seine Ambitionen unterstrichen. Allerdings würde der Bundestrainer, der bisher nur 17 seiner 23 Kader-Spieler einsetzte, am liebsten mit seiner Erfolgs-Elf bis zum Titelgewinn weiterspielen. «Wir sind sehr, sehr stolz auf unsere Mannschaft, haben aber schon direkt in der Kabine gesagt, dass wir nach vorne blicken. Wir wollen noch mehr», betonte Klinsmann. Nach dem couragierten Auftritt gegen die Argentinier, die sich am Ende als schlechte Verlierer erwiesen und nach einer Tätlichkeit durch den Reservespieler Leandro Cufre an Per Mertesacker fast eine Massenschlägerei provoziert hatten, müssen auch die letzten Nörgler registrieren: Klinsmanns Masterplan greift - Deutschland ist bereit für das achte WM-Endspiel. Das jüngste 1:4 gegen Italien im März, das Klinsmann kurz vor der WM fast noch seinen Job gekostet hätte, ist für die deutschen Spieler eine zusätzliche Motivation. «Dieser Stachel sitzt noch tief», gab Frings zu. Für die Trainer allerdings ist die Pleite kein Thema mehr: «Auf das Spiel in Florenz gehen wir nicht eine Sekunde mehr ein. So etwas wird nicht mehr passieren», versicherte Löw. Klinsmann hat bisher alles richtig gemacht, was man überhaupt richtig machen kann. Er hat voll auf die Karte Fitness gesetzt, er hat jedes Detail geplant, er hat in David Odonkor und Oliver Neuville zwei belächelte Joker nominiert, die auch Argentinien ärgern konnten. Und er hat Lehmann zur Nummer 1 befördert, der in Berlin mit zwei gehaltenen Elfmetern zum Matchwinner wurde. «Ich liebe Deutschland inzwischen, wegen der Atmosphäre. Die Menschen sollen feiern», kommentierte Lehmann seine Taten, zu denen Torwart-Coach Köpke mit einem Spickzettel beigetragen hatte. Dort hatte er die Gewohnheiten der argentinischen Elfmeterschützen registriert, Lehmann hatte den Zettel im Stutzen versteckt. «Gewinner ist nicht nur Jens Lehmann, Gewinner ist auch Oliver Kahn», schob Klinsmann hinterher. Denn Kahn hatte vor dem Elfmeterschießen seinem Rivalen fast liebevoll den Kopf getätschelt und mit einem festen Händedruck und anfeuernden Worten motiviert. Die Fans im Stadion und an den TV-Geräten spendeten für eine der Szenen des Tages spontan Beifall.
 |