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Politik umarmt Fußball

Berlin (dpa) - 01.07.2006, 14:53 Uhr

Angela Merkel umarmt vor Freude auf der Ehrentribüne Franz Beckenbauer.
Angela Merkel umarmt vor Freude auf der Ehrentribüne Franz Beckenbauer.

Die Kanzlerin hebt ihre geballten Fäuste in Schulterhöhe. Die Anspannung ist aus ihrem Gesicht gewichen, sie brüllt ihre Freunde in den Berliner Nachthimmel.

Auf der Ehrentribüne des WM-Stadions in der Haupstadt steht in diesem Augenblick keine Regierungschefin und CDU-Vorsitzende, sondern Angela Merkel als ranghoher Fan der deutschen Fußball-Elf, die gerade die Argentinier in einem knisternden Elfmeter-Duell mit 4:2 besiegt hat. Dann eine weitere Eruption der Gefühle: Merkel umarmt vor den Augen der Fußball-Welt den - neben Bundestrainer Jürgen Klinsmann - derzeit wichtigsten Mann der Republik, OK-Chef Franz Beckenbauer.

Rückblick: Wenige Stunden vor dem dramatischen Viertelfinalspiel hatte der Bundestag das größte Reformwerk seit 1949 beschlossen, mit dem er die Beziehungen zwischen Bund und Ländern komplett neu ordnete. Auch da hatte Merkel die Fäuste geballt - als Zeichen ihrer Überzeugung, dass diese Föderalismusreform gelingen muss.

Politische Bedenkenträger formulierten ihre Skepsis. Das Gefühl von einem Aufbruch wollte sich partout nicht einstellen. Missgelaunt hatten am Tag zuvor Abgeordnete für oder gegen den Abbau von Steuervergünstigungen votiert. Das politische Finale steht dabei noch aus: Am späten Sonntagabend wollten Merkel und die Spitzen der Koalition die seit Jahren diskutierte Gesundheitsreform zumindest mit Eckpunkten auf den Weg bringen.

Das Plenum ist sicher kein Ort für Party-Stimmung. Es haben sich auch noch nie Fanmeilen vor dem Bundestag gebildet. Aber nicht nur Merkel wünscht sich auch von den politischen Entscheidungsträgern etwas von jener Euphorie, mit denen Klinsmanns Nationalkicker seit dem 9. Juni begleitet werden. Der Schwabe mit Wohnsitz Kalifornien verkörpert viel von dem, was Merkel sich auch von der Politik erhofft: Der Berge versetzende Glauben an sich selbst, Mut, Begeisterung auch bei schweren Aufgaben und jene Portion Selbstsicherheit, die als «halbe Miete» für den Erfolg gilt.


Die Politik sucht dieser Tage ganz bewusst die Nähe zum Fußball und seine weit über die soziale Herkunft hinaus gehende Wirkung als Bindeglied der Gesellschaft. Klinsmann würde wohl leicht - so ist zu vermuten - eine Tätigkeit im Umfeld der Kanzlerin finden. Denn er hat es innerhalb von zwei Jahren geschafft, etwas fundamental zu verändern, eine Philosophie unbeirrt und gegen Widerstände zum Erfolg zu führen. Genau das streben Merkel und ihre Partner von der SPD - allerdings mit unterschiedlichen Ansätzen - auch politisch an.

«Heute Abend freuen wir uns, dann müssen wir unheimlich achtsam sein. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.» Merkels Einschätzung nach der WM-Partie gegen Argentinien könnte für die Masse der politischen Entscheidungen stehen. Das politische Berlin hofft, dass zumindest etwas von der Zuversicht in den Alltag gerettet werden kann - auch im Umgang mit Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe. «... aber selbst wenn die deutsche Mannschaft ausgeschieden wäre, dieses gute Gefühl, die Freude, die gute Gastgeberschaft wären nicht zerstört worden», so kleidete Bundespräsident Horst Köhler seine Gefühle in Worte.

Das Bild von Torwart-Titan Oliver Kahn, der seinem Nachfolger als Nummer eins, Jens Lehmann, vor dem Elfmeterschießen Mut machte und ihn nach dem Erfolg umarmte, es ließe sich auch politisch übersetzen: Zusammenstehen trotz Konkurrenz und gemeinsam für den Sieg arbeiten. Es wurde nicht erwartet, dass sich Merkel, SPD-Chef Kurt Beck und der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber am Sonntagabend nach der Koalitionsrunde umarmen. Aber vielleicht führt ja Teamgeist in der Koalition ebenso wie auf dem Rasen zum Erfolg.

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