Halbzeit. Besprechung in der Kabine, die zweite Hälfte beginnt Klinsmann stehend und entsetzt: Nach Riquelmes Ecke überspringt Roberto Ayala im Kopfballduell Miroslav Klose - 0:1. Was nun? Nach einer Schocksekunde steht der Bundestrainer am Spielfeldrand, klatscht aufmunternd. Jetzt treibt er das Team persönlich nach vorne, bringt Flügelflitzer David Odonkor. Er nimmt den 22-Jährigen noch einen Moment lang in den Arm. «Los, Junge, reiß das Spiel 'rum!» 72 000 Zuschauer toben, laufen jetzt heiß wie Klinsmann. Als Argentiniens Torhüter Roberto Abbondanzieri vom Platz getragen werden muss, schickt ein erregt mit den Armen rudernder Klinsmann die Helfer höchstpersönlich mit der Trage auf den Rasen. Er bringt Tim Borowski, der sofort den Abschluss sucht, aber auch nicht trifft. Aber dann ist es der Bremer, der den Ball per Kopf auf seinen Vereinskollegen Klose zum 1:1 verlängert. Klinsmann hüpft wie ein Flummi auf und ab - fällt Bastian Schweinsteiger in die Arme, schreit seine Freude heraus. Jetzt will der ehemalige Weltklassestürmer alles. Er zieht seinen letzten «Joker»: Oliver Neuville kommt, und Klinsmann nimmt wieder einen Schluck aus der Wasserflasche, feuert sie auf den Boden. Das Drama kostet Kraft - auch wenn man eigentlich gar nicht mitspielt. Schlusspfiff nach 94 Minuten inklusive Nachspielzeit. Während «Doc» Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Physiotherapeut Klaus Eder dem erschöpften Ballack die Beine lockern, bespricht Klinsmann mit seinem Kapitän die Taktik für die Verlängerung. Gänsehaut-Atmosphäre im Olympiastadion. Sitzen ist jetzt nicht mehr - Klinsmann steht, hockt, stemmt die Arme in die Hüften. In den ersten 15 Minuten passiert nichts, und der Bundestrainer redet in der kurzen Pause wieder auf den fertigen Ballack ein. Er schickt den noch frischen Borowski für den Kapitän in die Mittelfeld-Zentrale. Mit rudernden Handbewegungen versucht er seine Mannschaft nach vorne zu treiben. Als Ballack von Krämpfen geplagt minutenlang vor ihm an der Linie liegt, leidet Klinsmann mit. Er applaudiert seinen «Kerlen», als Lubos Michel nach 120 Minuten abpfeift. Wen soll er jetzt die Elfmeter schießen lassen? Mit Löw geht er die Namen durch, fragt seinen erschöpften Kapitän, seinen sichersten Schützen. Ballack stellt sich, und alle Schützen behalten die Nerven. Lehmann hält zwei Mal - und nach der ersten Jubel-Ekstase schaut Klinsmann stolz seiner Mannschaft bei der Ehrenrunde zu.
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